Alt genug?

Mit dem Messer in der Hand humpelte Liselotte über den Flur. Währenddessen schimpfte sie ohne Unterlass. Ganze Sätze waren Mangelware. Stakkatoartig hustete sie Wortgruppen auf den Flur, deren Inhalt sich dem geneigten Zuhörer nicht von selbst erklären wollten. Schließlich hielt sie an einer Tür an und schaute angestrengt auf das Schild: Irmgard H.

Ohne Anzuklopfen riss sie die Tür mit erstaunlichem Schwung auf und humpelte ins Zimmer. Dabei erhob sie das Messer und fletschte die Zähne.

Irmgard kauerte ihr zugewandt auf dem Boden und schaute mit weit aufgerissenen Augen in ihre Richtung. Liselotte blieb mit weiterhin erhobenem Arm stehen und versuchte, sich ein Bild zu machen.

Irmgard hatte die Vorhänge geöffnet und die Mittagssonne durchflutete den Raum. Liselotte musste sich die andere Hand schützend vor die Augen halten, um nicht völlig geblendet zu werden. Erstarrt stand sie da, ganz ohne Murren, völlig verstummt, und wartete darauf, dass sich ihre Augen an das Licht gewöhnen würden.

„Warum hast du die Vorhänge aufgezogen, Irmgard?“, fragte Liselotte schließlich. „Warum nicht? Es ist Tag! Und wozu dieser anklagende Unterton, Nachbarin? Ich habe Dich ohnehin nicht eingeladen …“ „Na und? Aber wer in Gottes Namen braucht soviel Licht?“ „Ich brauche das, Nachbarin, ich. Denn meine Kontaktlinsen finden sich nicht von allein“ „Dann finde sie schneller, ich hab‘ noch ‚was vor!“ „Ach, du ‚hast noch ‚was vor‘, Nachbarin“, erwiderte Irmgard verächtlich, „Das klingt ausgesprochen interessant. Wenn ich meine Kontaktlinsen wiedergefunden habe, musst du mir das ganz detailliert erzählen. Solange kannst Du mir aber beim Suchen helfen. Wie du sicher weißt, bin ich ohne meine Kontaktlinsen nicht zu gebrauchen“ „Ja, ja, weiß ich. Aber einen Teufel werde ich. Du kannst deine Kontaktlinsen alleine finden“

Etwas wirr schaute sie nun trotzdem im Raum umher und wippte nervös auf ihren Füßen. Den Arm mit dem Messer nahm sie herunter und auch der andere Arm durfte ruhen, denn die Augen hatten sich an das Licht gewöhnt. Das Messer erzeugte ein Lichtspiel an der Wand. Irmgard suchte den Teppich weiter ab.

„Liselotte …“

„Liselotte!“

„Ja, was denn?“, rief sie gereizt.

„Lass das Gesuche. Es hat doch keinen Zweck“

„Wieso?“

„Lass es doch bleiben. Ich habe dir etwas zu sagen. Das geht zur Not auch ohne Kontaktlinsen …“ „Das glaubst du also? Ich habe meine Kontaktlinsen schon längst eingesetzt!“, sagte Irmgard laut und zog behänd eine winzige Pistole aus ihrem Rock hervor. Liselotte gab keinen Laut von sich, doch ihre Miene verfinsterte sich.

„Ich habe schon geahnt, dass du hier aufkreuzen würdest, um irgendetwas Furchtbares zu tun. Also habe ich mich vorbereitet“

„Ach, hast du das?“ Liselotte lachte hart.

In diesem Moment wurde die Tür noch weiter aufgestoßen und Helga kam an ihrem Gehstock hereingestolpert. Auch sie hatte eine kleine Pistole in der Hand und ein wildes Funkeln in ihren 84-jährigen Augen ließ keinen Zweifel daran, dass sie die Waffe einsetzen würde.

„Da staunst du, Liselotte, nicht wahr? Du dachtest, du könntest mit mir, deiner besten Freundin, Pistolen kaufen gehen und jetzt das hier. Deine ‚beste Freundin‘ hintergeht dich, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken!“

Sie ließ eine kurze, vermutlich dramatisch gemeinte Pause und drückte ab. Stille. Es löste sich kein Schuss. Auch die nächsten Versuche blieben ohne Erfolg. Die Pistole kam ihrem Auftrag nicht nach. Helgas Grinsen entglitt und wich allgemeiner Ausdruckslosigkeit.

Im Angesicht der Pistole in Irmgards Hand hätte man vielleicht Furcht oder Panik erwartet, doch darüber schien sie hinweg zu sein.

„‚Beste Freundin‘ sagst du? Ich kenne dein dunkles Geheimnis längst. Schon seit Monaten kannst du mir nichts mehr vormachen“, rief Irmgard so laut, dass es der ganze Flur hören musste.

„Schrei doch noch lauter, Irmchen, damit auch die Wachen am Eingang etwas hören und schnell heraufkommen?“, erwiderte Helga, „Was die wohl zu unseren Pistolen sagen werden?“

Und siehe da. Es ließen sich Schritte auf dem Flur vernehmen. Helga und Liselotte zuckten zusammen, nur die schwerhörige Irmgard ließ sich nichts anmerken. Helga schaute umgehend nach, wer sich näherte.

„Es ist Alma“, flüsterte Helga.

„Trauma-Alma?“, fragte Liselotte.

„Ja, die österreichische Trauma-Alma. Keine Ahnung, wie sie es hierher geschafft hat“

„Die wohnt doch zwei Stockwerke tiefer, nicht wahr?“

Irmgard gefiel das Tuscheln der beiden Frauen vor ihr gar nicht: „Wer kommt da? Sagt mir auch mal jemand etwas?“

„Nur, wenn du deine Pistole ‚runternimmst!“, sagte Liselotte. Irmgard blickte etwas nachdenklich, ließ die Waffe schließlich sinken und versteckte sie wieder.

Als sie gerade damit fertig war, kam Alma zur Tür geschlichen. Sie schob einen Gehwagen vor sich her und blickte nacheinander mürrisch auf die drei Frauen.

„Wisst ihr was!“, begann sie unfreundlich, „Eure Eskapaden sind legendär. Alle paar Wochen duelliert ihr euch auf scheinbar höchstem Niveau und denkt euch neue Möglichkeiten aus, euch gegenseitig auszuspielen. Aber heuer bin ich eurer Eskapaden überdrüssig. Es muss ein Ende haben!“

„Ach Alma“, begann Helga, „Du nimmst diese Angelegenheiten viel zu ernst. Und außerdem gehen sie dich gar nichts an. Geh wieder zurück in dein Zimmer und …“

„Einen Teufel werde ich. Jedesmal enden eure Spielereien damit, dass die Wachen kommen müssen und euch ruhigstellen. Wenn ihr dann wenigstens dazulernen würdet! Ich habe der Heimleitung schon so oft gesagt, dass sie nicht alle Demenzkranken auf einem Flur unterbringen soll. Das bringt nur Unglück!“

Die Anwesenden schauten etwas ratlos in die Runde. Der Nährboden für schlagfertige Erwiderungen war mit einem Schlag verödet.

„Aber kommen wir zu den wirklich wichtigen Dingen“, fuhr Alma fort, „Ich habe da etwas vorbereitet“

Alma schlug die Decke zurück, die sie über ihren Gehwagen gelegt hatte und legte eine Reihe Handgranaten frei.

Noch ehe eine der Überraschten etwas sagen konnte, hatte Alma bereits die erste Handgranate scharf gemacht.

„Granaten mit Zeitzünder, übrigens“, meinte Alma beiläufig.

Autoquiz

autoDas richtige Verhalten im Straßenverkehr ist nach wie vor eine große Herausforderung. Nicht jeder ist dazu bestimmt, mit einer wenigstens eine Tonne schweren Rammwaffe über den Asphalt zu walzen, um Mensch und Natur an die Grenzen der psychischen und physischen Belastbarkeit zu bringen.

Sind Sie bereit? Finden Sie es heraus, indem sie die Fragen in diesem Autoquiz beantworten!

Hermann Hesse: Der Steppenwolf

Inhalt

Da ist also dieser Harry Haller. Der Mann ist gebildet und belesen, denkt viel und macht wenig. In seinem Kopf spukt die Idee, er wäre in zwei Charaktere geteilt – den zivilisierten Menschen und den animalischen Steppenwolf. Diese beiden können sich nicht leiden, so die Kurzfassung seines Problems mit den beiden.

Im Großen und Ganzen macht ihn das ausgesprochen unglücklich. So unglücklich, dass er sich am liebsten umbringen würde. Vielleicht ab seinem 50. Geburtstag. Aber vielleicht auch nicht. Das Leben ist schließllich kein Ponyhof.

Als Harry nun Hermine kennenlernt, eine Person, die äußerlich so ganz das Gegenteil seiner Person darstellt, merkt er endlich, dass es noch einiges mehr im Leben gibt als Trübsal blasen. Zum Beispiel Tanzen lernen und mit deutlich jüngeren Frauen schlafen.

Höhepunkt des neuen, glanzvolleren Lebens ist der Besuch eines Maskenballs, bei dem Harry unter Drogen Einlass in eine Art Theater gewährt bekommt, in dem er allerlei Ideen und frühere Abschnitte seines Lebens wiedererleben und verändert wahrnehmen kann. Dass seine einfache Einteilung Mensch – Wolf unzureichend ist, wird ihm erneut bewusst gemacht.

Letztlich kann Harry sich auf dieser Spielwiese für immer austoben und die Dinge mit Humor nehmen. Denn schließlich ist ohne Humor alles zwecklos.

Einschätzung

Die erste Hälfte des Buches war schwer zu lesen. Harrys Neurosen haben ihn fest im Griff und auf Dauer ist die Schilderung seines Leids und seines Alltags ermüdend. Mit der Andeutung eines anderen Lebens mit deutlich reduzierter Anzahl von Zwängen geht es scheinbar aufwärts im Leben des Harry Haller.

Gleichzeitig scheint er sich von der Realität abzukapseln. Wie schon der Erzähler zu Beginn des Buches zu berichten weiß, ist nicht klar, an welchen Stellen das Erzählte in Fiktion übergeht. An einigen Stellen, zumeist wenn sich die abschließende Veranstaltung des Buchs ankündigt, scheint die Realität überwunden. Sprüche wie „Zutritt nur für Verrückte“ erhärten diesen Eindruck.

Entsprechend kann man sich kaum sicher sein, wer gegen Ende nicht nur eine Persönlichkeit aus Harrys Kopf ist. Gibt es Hermine wirklich? Wer ist Pablo, der mysteriöse Musiker?

Statt einem Befreiten (bzw. einen sich auf eine Befreiung Zugehenden) sehe ich am Ende einen Mann, der zusehends den Verstand verliert und scheinbar gut damit leben kann, sich in die (angeblich tabuisierte) Schizophrenie zu flüchten. Wobei ich vermute, dass Hesse den Begriff hier etwas überstrapaziert. Das Ich eines Menschen als eine Sammlung vieler verschiedener und veränderlicher Unterpersönlichkeiten zu betrachten, entprach 1927 sicherlich einer fortschrittlichen Denkweise.

Aber humorvoll lachend in den Wahnsinn schlittern und dabei unter Drogen mit den eigenen Vorbildern über das Leben philosphieren anstatt der üblichen Depressionen nachhängen? Wohl am besten beides nicht.

Zum Weiterlesen

Verschiedene: The Fast Diet; Die Burnoutlüge

Dr. Michael Mosley & Mimi Spencer: The Fast Diet

Mosley schreibt über Intervallfasten („intermittent fasting“) in der 5:2-Variante: Fünf Tage in der Woche normal essen, an zwei Tagen nur ca. ein Viertel des Üblichen. Wie auch bei anderen etwas radikalen Ernährungsansätzen basiert die Grundidee auf evolutionsbiologischen Annahmen: Da der Mensch früher kaum etwas zu essen hatte und oft mit Unterversorgung auskommen musste, habe sich der Körper darauf eingestellt. Unter Stress arbeite der Körper demnach in einem anderen Modus als sonst und strebe dabei vor allem „Reparatur“ an, während bei Dauerversorgung auf „Leistung“ hingearbeitet werde.

Mit der Variante 5:2 könne man bereits ordentlich abnehmen, ohne sich allzusehr zu stressen. Theoretisch sind auch Varianten wie 4:3 und 1:1 denkbar, aber deutlich schwieriger umzusetzen. Mit der Umstellung soll außerdem eine generelle Verbesserung des Gesamtzustands einhergehen, der zu mehr Wohlfühlen und Gesundheit führt.

Das Buch basiert größtenteils auf den Erkenntnissen, die in der Dokumentation bereits aufgezeigt werden. Zusätzlich darf Mimi Spencer ein paar Worte verlieren, die mir aber größtenteils nicht hängengeblieben sind. Etwas hilfreicher sind ihre Rezeptvorschläge, an denen man sich gut orientieren kann.

Wer die Dokumentation schon kennt, wird aus dem Buch nicht viel Neues mitnehmen, kann sich damit allerdings zusätzlich motivieren.

Martina Leibovici-Mühlberger: Die Burnout Lüge

Es gibt gar kein Burnout, meint die Autorin. Burnout sei eine oberflächliche, vertuschende Bezeichnung für die Folgen gesamtgesellschaftlicher Prozesse, die nicht mehr funktionieren. Mit dem „Aufkleber“ Burnout lasse sich verhindern, dass man sich der tatsächlichen Probleme annimmt, die sich anhand der Ausgebrannten manifestieren.

In Gesprächen mit Betroffenen hat sich die Sicht der Autorin von symptomatischem Behandeln gewandelt. Es hilft nicht, eine Person in die Reha oder in Kuschelkurse zu stecken. Stattdessen muss geklärt werden, welche Bedürfnisse die Person zurücknimmt, um weiterhin die Rolle einer leistungsfähigen Person erfüllen zu können.

Dabei kommt oft heraus, dass persönliche Ziele wie z.B. Mutterwunsch oder Nähe zum Partner sträflich vernachlässigt werden. In einer Gesellschaft, die sich der totalen Sinnentleerung, Egomanisierung und Konsumorientierung nähere, werde es immer schwerer, einen Zustand des Wohlbefindens zu erreichen. Man müsse wieder mehr zueinander finden, sinnvoller Arbeit nachgehen und einen wohlwollenderen Zugang zueinander finden.

An manchen Stellen mischen sich die nachvollziehbaren Argumente mit Meinungen, z.B. wenn es um die Nachfolgegeneration geht (die bekanntlich seit Jahrtausenden immer die schlimmste ist), aber insgesamt bietet das Buch einige (vor allem bei dem Titel) unerwartete Einsichten.

Eine Antwort auf die Frage, wie die Situation realistisch verbessert werden kann, gibt die Autorin allerdings nicht. Letztlich bleibt man bei der philosophischen Grundfrage hängen: Ist der Mensch gut bzw. in erster Linie an Zusammenhalt orientiert wie es die Autorin suggeriert oder ist der Mensch anders gepolt oder schlichtweg noch nicht soweit?

Am Unfallort

FragestellungFragestellungFrage Unfallstelle
Eine Frage aus einem Fahrschulprogramm.

Interessanterweise werden hier erstaunlich viele Leute – auch erfahrene Autofahrer – instinktiv richtig antworten: Geschwindigkeit sofort verringern und Warnblinklicht einschalten. Denn schließlich will man nichts verpassen.

Wer des einarmigen Fahrens mächtig ist und ein Smartphone besitzt, kann sein Unfallarchiv auf den neuesten Stand bringen, indem er beim Vorbeifahren ein wackeliges Video aufnimmt, um Bekannte und Kollegen nicht im Unklaren über den Unfallschauplatz zu lassen (Pics or it didn’t happen).

So ein Unfall hat einen hohen Unterhaltungswert und sich stauender Verkehr hinter einem muss halt sehen wie er klarkommt. Eventuell bietet ein Seitenstreifen als behinderungsfreie Alternative eine ausgezeichnete Ausweichmöglichkeit.

Sofern allerdings bei der Anfahrt erkennbar wird, dass man als erster potenzieller Helfer am Unfallort eintrifft, sollte man als echter Menschenfreund besser Möglichkeit 1 (Zügig weiterfahren) wählen.

T. C. Boyle: Hart auf Hart

Handlung

Adam, der sich von Aliens verfolgt fühlt, nichts lieber tut, als im Wald Drogen anzubauen und so gar nicht den bescheidenen Wünschen seiner Eltern entsprechen will, trifft per Zufall auf Sara. Diese ist einige Jahre älter, aber nicht weniger verrückt und erkennt die staatlichen Autoritäten nicht an. Zusammen befreien sie ihre Hündin Katya, die Sara nach einer Polizeikontrolle zeitweise weggenommen wird.

Das etwas unwahrscheinliche Pärchen kommt eine Zeit lang gut miteinander aus, auch wenn Adam sich selten blicken lässt. Jeder für sich kann mit dem jeweils anderen gewisse Bedürfnisse stillen.

Zunehmend verliert Adam allerdings den Verstand, bleibt immer länger weg und kommt kaum noch aus seiner Pfadfinder/Waldläuferfantasie heraus. Schließlich sieht er sich genötigt, in eine Art Krieg gegen alles und jeden zu ziehen (Sara ausgenommen). Auf dem Weg zum unvermeidlichen Ende schießt er sich in so mancher Situation mit seiner chinesischen Norico den Weg frei und scheut nicht davor zurück, das eine oder andere Menschenleben dabei auf der Strecke zu lassen.

Adams Eltern versinken derweil in Gram und Schuld, können ihren lebenstechnisch eingeschlagenen Pfad nicht mehr verlassen. Am Ende bleibt nur noch profane Ablenkung.

Einschätzung

Über lange Strecken musste ich mich durch das Buch kämpfen. Ich kann nicht einmal genau sagen, wieso. Die Charaktere sind recht verschieden und wie bei T. C. Boyle üblich etwas schräg. Vielleicht ist es daher die Handlung, die mich nicht ganz überzeugen konnte.

Gegen Ende wurde es noch einmal etwas spannender und entgegen meiner Erwartungen war es mir letztlich doch nicht egal, dass Adam erschossen wird. Trotzdem kann ich das Buch in Sachen Spannung nur eingeschränkt empfehlen (im Gegensatz zu „The Tortilla Curtain“/“América“).

Warners Warnung

Warner warnte in Wanna: Weil: Kanna. Dort warnte Warner vor der Wanne im Manne, der Ursache allen Elends.

Er erklärte mit dröhnender Stimme auf der B73:

Die Wanne im Manne ist die Pfanne der Kanne! Wer diesen grundsätzlichen Zusammenhang nicht erkennt, der begibt sich in große Gefahr! Wer nicht die richtigen Schlüsse zieht, wird vom Angesicht der Erde getilgt, wenn sie kommen! Wer unvorbereitet ist, wenn sie kommen, muss mit dem Schlimmsten rechnen! Dem Schlimmsten!

Diese Worte wiederholte er immer und immer wieder, bis schließlich ein Streifenwagen kam und Warner mitnahm. Im Wegfahren waren seine Warnungen noch immer zu hören, immer leiser, bis der Wagen um die nächste Ecke bog.

Seethaler: Der Trafikant

In Deutschland, und zunehmend auch in Österreich, verlieren die Menschen allmählich den Verstand.

Dieser Adolf Hitler macht aus Deutschland heraus Druck und sorgt mit seiner forschen Art und und scheinbar frischem Wind für einseitige Berichterstattung und gehirngewaschene Glanz-in-den-Augen-Anhängern.

In dieser Zeit macht sich der Bauernjunge Franz Huchel auf, um aus dem Salzkammergut herauszukommen und sein Glück in Wien zu finden. In einer Trafik darf er seinem Onkel Otto Trsnjek beim Verkaufen von Zeitungen und Tabak zur Hand gehen und lernt nebenher interessante Leute kennen.

Zum Einen ist da Sigmund Freud, der sich bei einer guten Zigarre auf tiefgreifende Gespräche einlässt.

Zum anderen ist da die „Tänzerin“ Anezka, in die Franz sich auf dem Wiener Prater verliebt, ohne so recht auf ihren sozialen Hintergrund zu achten.

So manche Nacht schlägt er sich in Gedanken an das Mädel mit der Zahnlücke um die Ohren, spricht sich mit dem Professor aus, muss jedoch letztlich feststellen, dass Anezka sich im Angesicht der politischen Verhältnisse durchaus selbst zu helfen weiß (und sich einem Nazi an den Hals wirft).

Auch wird es für Franz‘ Onkel schwierig als ein Nachbar seine Ladenscheiben antijüdisch beschmiert und ihn (sicherlich unbeabsichtigt) in die Hände der Gestapo spielt. Dass der Jude Freud in dem Laden einkauft, spielt dabei scheinbar eine erhebliche Rolle.

Die Gestapo kommt vorbei und nimmt Franz Onkel mit, der schon ahnt, was da kommen wird. Aus den Kellern der Gestapo gibt es kein Entkommen und Franz muss einsehen, dass selbst persönliches Vorsprechen keinen Effekt hat.

Dazu kommt, dass Freud die Stadt verlassen muss. Er flieht nach London, solange er noch kann. Eine letzte Zigarre mit Franz ist noch möglich, bevor er abreist.

Franz muss die Trafik nun allein führen und klebt seine nächtlichen Träume auf kleinen Zetteln morgens an die Scheibe.

Als er nach einiger Zeit Überbleibsel seines Onkels gesendet bekommt:

  • 1 Schlüsselbund
  • 1 Geldbörse
  • 1 Foto (unbekannte Person)
  • 1 Wollweste
  • 1 Schuh
  • 1 Hose (beschädigt)

hat er genug und beschließt, den Nazis einen Besuch abzustatten und bei der Gelegenheit die Fahne vor dem Gestapo-Gebäude mit der zerfetzten Hose zu ersetzen.

Die passende Antwort lässt nicht lange auf sich warten und Franz bekommt kurze Zeit später unerfreulichen Besuch. Dabei lässt er es sich nicht nehmen, seinen letzten Traum sorgfältig auf die Trafikscheibe zu kleben. Wer weiß, wer ihn noch zu lesen bekommt?

Gedanken

Die Charaktere wirken unaufgeregt und irgendwie sympathisch und machen das Lesen trotz des immer finsterer werdenden Horizonts unterhaltsam und manchmal etwas anrührend.

Die Geschichte selbst fließt relativ spannungsarm dahin, aber das macht nichts. Das Buch liest sich trotzdem leicht. Zudem ist es nicht besonders seitenstark. Der Autor hat darauf verzichtet, die Geschichte länger zu ziehen als gut für sie ist.

Besonders gelungen finde ich die wenig moralisierende Beschäftigung mit den Nazis. Man gewinnt einen Eindruck davon, wie es sich während des Aufstiegs der Hakenkreuzfreunde real angefühlt haben muss und wie schwierig es gewesen sein muss, hinter die Maske des scheinbaren, begeisternden Aufbruchs in bessere Zeiten zu schauen und die grausame Fratze dahinter zu entdecken.

Solid Green, Teil 1: Henriette

Henriette ist verschwunden.

Ich versuchte zuerst, sie zuhause anzurufen. Sie ging stundenlang nicht ans Telefon.

Also fuhr ich mit dem Bus zu ihr und klopfte an ihre Tür. Es stellte sich heraus, dass ihre Schwestern in Sorge auf sie warteten und bereits bei Freunden und Bekannten angerufen hatten, um sie ausfindig zu machen.

Die Polizei würde als nächstes informiert werden, informierte mich Henriettes kleine Schwester Fine. Wobei „kleine Schwester“ etwas irreführend ist. Mit 22 Jahren ist sie weder klein noch ausgesprochen jung.

Jedenfalls habe ich mich immer gut mit ihr verstanden. Deshalb betrübte es mich, sie ausgesprochen traurig zu sehen.

Sie ließ mich schließlich herein und brachte uns etwas Tee und Gebäck. Dabei versuchte sie, ihre Fassung wiederzufinden. Einfach entspannt Tee trinken und ein bisschen reden.

Ihre Hände zitterten beim Einfüllen der Zuckerwürfel. Ärger zeichnete sich auf ihrer gerunzelten Stirn ab. schließlich war der Zucker verteilt und sie reichte mir meinen Tee, nur um ihn im letzten Moment zu verschütten.

Erschrocken starrte sie auf mein Kleid, auf dem sich ein Wasserfleck auszubreiten begann.

„Hast du mal was zum Aufsaugen?“, fragte ich sie. Augenblicklich sprang sie auf und rannte in die Küche, um ein Tuch zu holen.

Nach wenigen Sekunden kam sie mit gesenktem Blick zurück. Ich versuchte, sie anzulächeln, doch sie schaute weg. Ich konnte erahnen, dass ihr Tränen das Gesicht herunterliefen.

„Weißt du“, begann sie, nachdem ich mich halbwegs getrocknet hatte, „Man hört so Dinge von Solid Green.“

Ich schaute sie verständnislos an.

„Solid Green ist die Firma, bei der Henriette am Montag angefangen hat“, erklärte Fine. Sie reichte mir eine Visitenkarte:

Arbeit zum Wohlfühlen. Mit unserem Programm kommen wir einer Welt ohne Schmerz und Sorgen einen Schritt näher.

Umweltschutz, Ressourcenschonung, Nachhaltigkeit. Solid Green.

„Man hört immer wieder davon, dass Menschen nicht mehr wiederkommen, wenn sie über einen Recruiter angeworben wurden. Der Kontakt bricht völlig ab, die Firma leugnet in der Regel, tatsächlich einen Arbeitsvertrag mit der vermissten Person zu haben.“

Fine schaute abwesend auf ihren Tee, den sie währenddessen langsam mit einem kleinen Löffel durchrührte.

Wir tranken in Stille den Tee bis Fine aufsprang und etwas von einem Termin sagte, auf den sie sich ganz dringend vorbereiten müsse. Ich ging.