Carlos Ruiz Zafón: Das Spiel des Engels

Ein bisschen fühlt man sich beim anfänglichen Lesen des Buchs an Dickens “David Copperfield” erinnert, wenn Zafón aus der Jugend des Schriftstellers David Martín erzählt. Aus schwierigen ärmlichen Verhältnissen kommend, schafft er es dank gönnerhafter Freunde, einen bescheidenen Ruf aufzubauen. Hier hören die Gemeinsamkeiten allerdings auf.

Als der unbekannte pariser Verleger und (Erz)“Engel” Andreas Corelli in Davids Leben tritt, um ihn mit einem Buch zu beauftragen, gerät Davids Leben langsam aber sicher aus den Fugen, um schließlich komplett ins Chaos zu stürzen.

Seine kleine Welt dreht sich um das Schreiben und einige wichtige Charaktere wie Cristina, seiner großen Liebe, Sempere, einem Buchhändler, Vidal, seinem Gönner mit einem dunklen Geheimnis und später Isabella, seiner zeitweiligen Assistentin, die auf Davids Bühne des Lebens wandeln, nur um sie nach einiger Zeit wieder zu verlassen. Nicht zu vergessen Corelli, der eine Sonderrolle einnimmt.

Zafón erzählt mit schriftstellerischer Routine aus dem Leben David Martíns. Es kommt kaum Langeweile auf und bleibt bis zuletzt spannend. Die vorgestellten Charaktere sind zumeist zugänglich und lebendig beschrieben, die Schilderungen der Räumlichkeiten und der Stadt Barcelona treffend und plastisch. Die emotionale Handlung des Buchs lässt zumindest anfangs kaum Wünsche offen.

Die Reise mit Zafón hat allerdings Schattenseiten. Immer wahnwitziger werden die Handlungsstränge, immer dubioser die Charaktere. Ab dem dritten Akt läuft alles aus dem Ruder.

Schon bald muss man sich fragen, wie Zafón die zahlreichen Handlungsstränge auf verschiedensten Ebenen jemals wieder auflösen will.

Und siehe da, er tut es nicht. Das Ende ist wie ein Schnitt und der entschuldigend wirkende Epilog einfach nur verwirrend. Hals über Kopf beendet sich das Buch selbst, rennt vor sich selbst davon.

Bei vielen Lesern dürfte zum Schluss Enttäuschung und ein Anflug von Melancholie aufkommen, nachdem man Zafón beim Zerfleischen der Charaktere, die er vorher so liebevoll aufgebaut hat, zusehen muss. Das Buch gibt einem zeitweise das Gefühl, die Welt wäre gerade noch ein bisschen sinnloser und dunkler geworden. Darüber, ob dies parodistische Absicht des Autors ist, Pessimismus ausdrückt oder Zafón mit seinem Roman einfach in eine verfahrenen Situation geraten ist, bleibt der Spekulation des Lesers überlassen.

Wer in dieses Buch eintauchen möchte, über das deprimierende Ende hinweg sehen kann und sich vom Abwärtsstrudel des dritten Aktes nicht aus der Ruhe bringen lässt, wird in “Das Spiel des Engels” ein gutes, wenn auch nicht ausgezeichnetes Buch finden.

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