Dostojewski: Die Sanfte

Wenn man die Erzählung kurz zusammenfassen sollte, würde ich sagen: eine Gemeinheit auf 78 Seiten.

Jedem halbwegs empathischen Leser muss das Herz wenigstens ein klein wenig schwerer werden, wenn er lesen muss, wie ein gestörter Erwachsener sich ein nicht einmal volljähriges, verzweifeltes Mädchen erkauft und es langsam durch Schweigen und Vernachlässigung an den Rand der Erschöpfung treibt.

Bedingt durch ein vermiedenes Duell vor Jahren, das ihn zeitweise an das untere Ende der Gesellschaft gepresst hat und dessen Schande ihm schwer auf der Seele liegt, ist ihm nach Unterwerfung eines Menschen, der sich nur unzureichend wehren kann. Die “Sanfte” will, nachdem sie einsehen muss, dass ihr ein halbwegs annehmliches Leben nicht gegönnt ist, hingegen einfach ihre Ruhe.

Sie versucht nach wiederholtem Widerstand verschiedener Art einen bewaffneten Befreiungsschlag, vor dem sie letztlich zurückschreckt. Obwohl sie sich dem Mann vollends ergibt, bietet er, dem die Situation nicht entgangen ist, nun etwas Abstand, den sie bereitwillig annimmt.

Gegen Ende der Erzählung nimmt er ihr diesen Raum wieder; nicht mit zuwenig, sondern zuviel Aufmerksamkeit. Mit närrischen Versuchen der Besitzergreifung inklusive Füßeküssen, ausführlicher Selbsterklärung und Alles-wird-gut-Erklärungen treibt er sie in eine neue, bisher ungekannte und verstörende Enge, aus der sie nur einen Ausweg sieht.

Auf der Buchrückseite heißt es, der Herr sei gleichzeitig Opfer und Täter durch die Geschehnisse in seiner Vergangenheit. Auch von schmerzlicher Plötzlichkeit der Liebe ist die Rede.

Ich sehe hier eher einen übersensiblen Machtmenschen, dessen Besitzergreifungs- und Niederdrückungsinstinkte sich nur auf zwei Arten zeigen ohne letztlich etwas anderes zu werden. Die “Schande” seiner (angeblichen) Feigheit und die daraus resultierende harte Zeit mag Spuren hinterlassen haben. Aber das Handeln des Herrn lässt sich damit meiner Meinung nach kaum begründen. Wie soll das gewollte und konsequente Brechen eines Menschen im Verhältnis zu einer Verletzung des Stolzes stehen1)Der Zweifler mag hier meinen: Die Verletzung des Stolzes und die nachfolgenden Jahre der Niedrigkeit haben seinen Charakter ebenso gebrochen wie er den des Mädchens. Wenn das auch stimmen mag: Es liegt immer noch ein großer Unterschied zwischen dem Ertragen und dem Ausführen übler Handlungen. Jemand, dem Schlechtes widerfährt, muss dadurch nicht schlecht werden, selbst wenn er dabei zerbricht ? Auch kleinere Andeutungen, die innere Widersprüche in der Person suggerieren sollen (zum Beispiel der Plan des Mannes, für ein Haus zu sparen, in dem er mit Kind und Kegel glücklich leben würde, wovon er dem Mädchen nichts erzählt) finde ich nicht ausreichend überzeugend, zumal der Mann im Buch “selbst”2)Der Bericht ist erdacht berichtet und alles so scheinen lassen kann wie es ihm gefällt.

Fußnoten   [ + ]

1. Der Zweifler mag hier meinen: Die Verletzung des Stolzes und die nachfolgenden Jahre der Niedrigkeit haben seinen Charakter ebenso gebrochen wie er den des Mädchens. Wenn das auch stimmen mag: Es liegt immer noch ein großer Unterschied zwischen dem Ertragen und dem Ausführen übler Handlungen. Jemand, dem Schlechtes widerfährt, muss dadurch nicht schlecht werden, selbst wenn er dabei zerbricht
2. Der Bericht ist erdacht

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