Die Waterboarders

Die Waterboarders stürmten die Bank und schrien unverständliche Dinge in den Raum. Die Angestellten schauten verängstigt zuckend zueinander und fragten sich, was die Eindringlinge wollten. Als hätten sie nicht genug Angst, wurde der Ton der Waterboarders schärfer und die Angestellten fürchteten zunehmend um ihr Leben als einer der Drohenden begann, seine Waffe wild hin- und her zu schwenken.

Ein blonder Mann in Anzug reagierte als Erster, verschränkte die Hände hinter dem Kopf, ging in die Knie und legte sich schließlich bäuchlings auf den kalten Boden.

Die Kollegen wirkten weiterhin verunsichert, doch sie folgten seinem Beispiel, weil der Waffenschwenkende Schreihals zeitweise etwas ruhiger wurde. Sicherlich spielte sich in den Köpfen der Versammelten eine Szene aus einem Actionfilm ab, in dem Maskierte eine Bank überfallen, laut herumschreien und die Anwesenden auffordern, sich auf den Boden zu legen. Blieb nur noch die Frage, ob sich jemand als Held der Runde enttarnen würde; einer der Gäste, der sich den Terror nicht bieten lässt und darauf besteht, die Metalldurchlässigkeit seines Körpers eingehend prüfen zu lassen.

Tatsächlich meldete sich ein Kunde mit Schnäuzer zu Wort. Die Pistolenträger schenkten ihm einen Moment ihrer kostbaren Zeit. In den folgenden Sekunden betonte der Kunde deutlich und verständlich, dass er „nichts mit der Sache zu tun habe“, dass er nur zufällig gerade in der Bank gewesen sei und er jetzt gerne gehen würde. Zuletzt spielte er sich unverkennbar in die Herzen der Anwesenden, indem er deutlich machte, dass er nichts dagegen habe, dass alle anderen praktisch als Pfand für ihn in der Bank bleiben würden.

Eine Frau, die ihn möglicherweise besser kannte als ihr momentan lieb war, rollte auffällig mit den Augen. Sie schien Übung darin zu haben, denn in liegender Position und auf den Bauch gedreht ist das sichtbare Augenrollen keine einfache Aufgabe.

Der Waffenträger erkannte auf einen Blick die Zusammenhänge und verließ sich anstatt einer Bestrafung darauf, dass ein tödlicher Blick unter Eheleuten ausreichend Scham über den Antihelden des Tages bringen würde.

Nun …

… begann ein Unmaskierter Mann, „es wird Zeit, dass wir zur Sache kommen. Das Leben ist kurz, die Gelegenheit ist günstig …“

Kurz hielt er inne, ließ den Blick über die verängstigten Menschen schweifen und genoss den Moment vollendeter Aufmerksamkeit, die ihm gerade zuteil wurde. Wenn die Angestellten nicht einige Meter von ihm weg stehen würden, so würde er sie – da war er sich sicher – mit Schnappatmung hecheln hören.

„Wir sind die Waterboarders„, sagte er, „Der Name ist selbstverständlich Programm. Bevor Sie jedoch in Panik verfallen: Dieses Los ist nur für wenige bestimmt“

Wieder schaute er in die Runde. Trotz seiner defensiven Ankündigung wurden Augen verdreht und einige Personen schienen der Ohnmacht durch Angst oder Schwitzen nahe zu sein. So fühlte er sich genötigt, etwas präziser zu werden.

„Der Grund für unseren Besuch ist einfach. Wir haben vor Jahren in ein System investiert haben, das sich Riesterrente nennt“

Die anderen Waterboarders schauten herüber und nickten zustimmend.

„Aufgrund der allgemeinen Unzufriedenheit, die sich daraus ergeben hat, möchten wir etwas von der ‚Freude‘, die uns dieses großartige Finanzinstrument gebracht hat, zurückgeben. In diesem Sinne bitte ich nun alle anwesenden Berater, die in den letzten Jahren Riesterrenten beworben haben, aufzustehen“

Die Unruhe unter den Bankangestellten nahm schlagartig zu. Einige Männer in Hemd schwitzten bereits so stark, dass sich Rinnen von den Achseln in Richtung Hüften bildeten. Scheinbar war jedoch niemand bereit, sich zu stellen. Der Unmaskierte räusperte sich nach einigen Sekunden.

„Natürlich haben wir damit gerechnet, dass sich niemand freiwillig stellt. Deswegen haben wir uns jemanden ausgesucht, der offenbar einen besonders guten Ruf in Sachen Riestervermittlung aufweist. Herr Fliege, bitte treten Sie vor!“

Herr Fliege zuckte bei der Nennung seines Namens sichtlich zusammen und schaute irritiert zu seinen Kollegen. Nachdem sich alle Blicke auf ihn gerichtet hatten, ließen seine nervösen Zuckungen nach. Er fiel in sich zusammen, ließ die Schultern hängen und blickte zu Boden.

Einige Sekunden verstrichen bis er sich zusammenraffte, aufstand und einige Schritte nach vorn trat. Sofort wurde er von einem Maskierten gepackt und zu einer Besucherbank gebracht. Dort wurde er festgeschnallt, geknebelt und sein Mund mit einem Tuch bedeckt, dass an den Seiten mit Klebeband am Gesicht fixiert wurde. Er atmete nun sehr schwer und wand sich, doch er blieb bewegungsunfähig.

Ablösung

Einer der Maskierten kam gerade mit einem Eimer Wasser von der Toilette zurück als die Wache von der Tür kam und Alarm schlug.

„Polizisten! Es kommen gleich Polizisten. Die warten draußen nur darauf, die Bude zu stürmen!“

Der Unmaskierte sah einige Momente lang nachdenklich aus einem Fenster, dann gab er Anweisungen.

„Also gut. Alle ziehen ihre Masken aus. Die Kameras laufen sowieso nicht mehr. Die Leute sollen wieder aufstehen. Fliege muss losgemacht werden“

Der eben noch verängstigte Fliege gewann durch die schlagartige Veränderung der Ereignisse ein ganz neues Selbstbewusstsein und grinste vorsichtig in Richtung Ausgang. Der Anführer schaute missmutig in die gleiche Richtung und harrte der Dinge, die da kommen würden.

Sekunden später stürmte das SEK die Bank. Der Sturmführer forderte die Anwesenden auf, sich keinen Meter ohne entsprechende Anweisung zu bewegen.

Die Waterboarders tauschten besorgte Blicke aus, doch erstmal geschah nichts. Sekunden vergingen, in denen nichts zu hören war. Niemand traute sich in Anwesenheit der schwer bewaffneten Männer, auch nur auf der Stelle zu treten, geschweige denn, zu husten oder zu niesen.

Endlich kam der Einsatzleiter dazu und schaute sich genau um. Als er Herrn Fliege sah, hellte sich sein Gesicht auf.

„Den da brauchen wir!“, rief er seinen Leuten zu, die sich sofort daran machten, dem Genannten Handschellen anzulegen.

Der Einsatzleiter schaute sich kurz um, dann ging er wieder und nahm sowohl seine Leute als auch Herrn Fliege mit. Die Waterboarders sahen ihnen entgeistert hinterher.

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