Seethaler: Der Trafikant

In Deutschland, und zunehmend auch in Österreich, verlieren die Menschen allmählich den Verstand.

Dieser Adolf Hitler macht aus Deutschland heraus Druck und sorgt mit seiner forschen Art und und scheinbar frischem Wind für einseitige Berichterstattung und gehirngewaschene Glanz-in-den-Augen-Anhängern.

In dieser Zeit macht sich der Bauernjunge Franz Huchel auf, um aus dem Salzkammergut herauszukommen und sein Glück in Wien zu finden. In einer Trafik darf er seinem Onkel Otto Trsnjek beim Verkaufen von Zeitungen und Tabak zur Hand gehen und lernt nebenher interessante Leute kennen.

Zum Einen ist da Sigmund Freud, der sich bei einer guten Zigarre auf tiefgreifende Gespräche einlässt.

Zum anderen ist da die „Tänzerin“ Anezka, in die Franz sich auf dem Wiener Prater verliebt, ohne so recht auf ihren sozialen Hintergrund zu achten.

So manche Nacht schlägt er sich in Gedanken an das Mädel mit der Zahnlücke um die Ohren, spricht sich mit dem Professor aus, muss jedoch letztlich feststellen, dass Anezka sich im Angesicht der politischen Verhältnisse durchaus selbst zu helfen weiß (und sich einem Nazi an den Hals wirft).

Auch wird es für Franz‘ Onkel schwierig als ein Nachbar seine Ladenscheiben antijüdisch beschmiert und ihn (sicherlich unbeabsichtigt) in die Hände der Gestapo spielt. Dass der Jude Freud in dem Laden einkauft, spielt dabei scheinbar eine erhebliche Rolle.

Die Gestapo kommt vorbei und nimmt Franz Onkel mit, der schon ahnt, was da kommen wird. Aus den Kellern der Gestapo gibt es kein Entkommen und Franz muss einsehen, dass selbst persönliches Vorsprechen keinen Effekt hat.

Dazu kommt, dass Freud die Stadt verlassen muss. Er flieht nach London, solange er noch kann. Eine letzte Zigarre mit Franz ist noch möglich, bevor er abreist.

Franz muss die Trafik nun allein führen und klebt seine nächtlichen Träume auf kleinen Zetteln morgens an die Scheibe.

Als er nach einiger Zeit Überbleibsel seines Onkels gesendet bekommt:

  • 1 Schlüsselbund
  • 1 Geldbörse
  • 1 Foto (unbekannte Person)
  • 1 Wollweste
  • 1 Schuh
  • 1 Hose (beschädigt)

hat er genug und beschließt, den Nazis einen Besuch abzustatten und bei der Gelegenheit die Fahne vor dem Gestapo-Gebäude mit der zerfetzten Hose zu ersetzen.

Die passende Antwort lässt nicht lange auf sich warten und Franz bekommt kurze Zeit später unerfreulichen Besuch. Dabei lässt er es sich nicht nehmen, seinen letzten Traum sorgfältig auf die Trafikscheibe zu kleben. Wer weiß, wer ihn noch zu lesen bekommt?

Gedanken

Die Charaktere wirken unaufgeregt und irgendwie sympathisch und machen das Lesen trotz des immer finsterer werdenden Horizonts unterhaltsam und manchmal etwas anrührend.

Die Geschichte selbst fließt relativ spannungsarm dahin, aber das macht nichts. Das Buch liest sich trotzdem leicht. Zudem ist es nicht besonders seitenstark. Der Autor hat darauf verzichtet, die Geschichte länger zu ziehen als gut für sie ist.

Besonders gelungen finde ich die wenig moralisierende Beschäftigung mit den Nazis. Man gewinnt einen Eindruck davon, wie es sich während des Aufstiegs der Hakenkreuzfreunde real angefühlt haben muss und wie schwierig es gewesen sein muss, hinter die Maske des scheinbaren, begeisternden Aufbruchs in bessere Zeiten zu schauen und die grausame Fratze dahinter zu entdecken.

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