Stach: Kafka: Die frühen Jahre

Wann immer ich davon erzähle, wie interessant ein 600-Seiten-Buch über Kafka sein kann, ernte ich ein Grinsen oder ungläubiges Staunen. Dabei ist es mein voller Ernst. Man spürt, dass der Autor unglaublich viel Zeit in die Recherche aller relevanten Umstände investiert hat und sich dabei auch noch gut ausdrücken kann, ohne den roten Faden zu verlieren.

Dabei geht es nicht allein um das direkte Umfeld Kafkas, sondern auch um eine mehrschichtige Einordnung: Was passierte damals in Prag, in Böhmen, in Europa? Was passierte politisch und technisch? Wie hat sich Prag zu dem entwickelt, was es damals war? Welchen Stellenwert hatte Religion oder Bildung? Wie erging es Juden zu dieser Zeit?
Allein schon für die Entflechtung der Prager Geschichte lohnt es sich, den ersten Teil des Buchs zu lesen.

All diese zusätzlichen Infos helfen dabei, zu verstehen, welchen Zwängen und Ansichten sich Kafka und seine Umgebung unterordnen mussten.

Die romanhafte Erzählweise des Autors ist nicht mit der trocken wie in einem üblichen Sachbuch vergleichbar. Etwas lockerer geht es daher, aber dennoch gibt es ein paar Hürden zu benennen, die auch erklären, warum ich für das Lesen dieses Buchs Monate gebraucht habe:

  1. Der Text ist inhaltlich „kondensiertes Kondenswasser“. Während 600 Seiten in manchem Thriller in einer Nacht „erledigt“ werden können, ist das in diesem Fall absolut unmöglich, wenn man gleichzeitig den Anspruch hat, etwas verstehen und nachvollziehen zu können.
  2. Das Buch ist sehr eloquent geschrieben. Das ist sicher schön für Liebhaber der deutschen Sprache, die auch mal gerne einen Duden in die Hand nehmen, um ein weniger geläufiges Wort nachzuschlagen. Für andere ist das vielleicht weniger erfreulich.
  3. Es gibt noch zwei weitere Bänder, die nicht weniger Zeit zum Lesen verlangen, als dieser. Mit dem Abschluss (nur) dieses einen Bandes hat man einen erheblichen Teil der eigentlichen Sache (Kafka legt richtig los, wird schließlich krank etc.) noch nicht zu Gesicht bekommen.

Mir fehlen nun noch die beiden vorhergehenden Bände, aber ich bin zuversichtlich, dass sie ähnlich unterhaltsam sind wie dieser.

2 Kommentare

  1. Magst Du mir erklären, was mit »kafkaesk» gemeint ist? Ich höre dann und wann dass eine Sache «kafkaesk» sei – doch was meint man damit?

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