Kafka: Das Schloss

Nicht überall wird man mit offenen Armen empfangen, selbst wenn man eingeladen wurde. Diese Erfahrung muss der Landvermesser K. machen, als er aus beruflichen Gründen ein Dorf in der Nähe eines Schlosses aufsucht.

Inhalt

Eigentlich will er Land vermessen, aber tatsächlich ist er aus nicht ganz klärbaren Gründen herbeordert worden, obwohl offenkundig kein Landvermesser gebraucht wird1)und manch einer vermutet, dass K. gar kein Landvermesser ist …. Es ist bereits alles vermessen. Aus ebenso wenig nachvollziehbaren Gründen möchte K. jedoch im Ort bleiben; anfangs, um bei hartem Winter nicht wieder so einfach heimkehren zu müssen, schnell aber mehr, um den Verwaltungsapparat »Schloss« zu begreifen, der sich dem logischen Menschenverstand zu verschließen scheint.

Das Schloss und seine Bewohner leben in einer Parallelwelt, die von der Welt der Dörfler strikt getrennt ist. Jedes Zusammentreffen, jede wie auch immer geartete Berührung körperlicher oder schriftlicher Art ist ein schier nicht interpretierbarer, unverständlicher Vorgang für den Außenstehenden.

Man weiß die meiste Zeit nicht: Sind die Menschen im Dorf nur besonders abergläubisch und interpretieren in das Schloss und dessen Vertreter abwegige Phantasien, die sich im Laufe von Jahrzehnten oder Jahrhunderten gebildet haben, oder sind die Herren aus dem Schloss tatsächlich die Übermenschen, als die sie von so manchen Dorfbewohner dargestellt werden. Bestes Beispiel ist der Beamte »Klamm«, der allen Dorfbewohnern ein Begriff ist und unerreichbar erscheint …

In den folgenden Tagen lernt K. die Bewohner des Ortes und deren Ansichten zum Schloss kennen und will dem Mythos näherkommen. Wobei: »kennen« trifft es nicht. Obwohl K. systematisch und zielgerichtet vorgeht, praktisch die Zwiebel von außen nach innen zu pellen versucht, findet er hinter jeder Schicht neuer Erkenntnisse nur eine weitere, rätselhaftere, unverständlichere Schicht. Er kommt dem Schloss nicht näher, er findet keinen Kontakt zu den Beamten dort. Im Ganzen kommt er dem Verständnis der Vorgänge nicht wesentlich näher.

Unschönerweise muss K., nachdem seine Nutzlosigkeit für die Gemeinschaft fast schon von Beginn feststeht, Möglichkeiten finden, seinen Status zum Besseren zu wenden und sich mit dem Schloss gut zu stellen. Zu diesem Zweck behelligt er jeden, der sich behelligen lässt2)abgesehen von seinen nutzlosen Gehilfen, deren Rolle sehr ambivalent erscheint: einerseits anhänglich und hilfbereit, andererseits hinterlistig und vielleicht böswillig; man weiß es nicht.

Besonders merkwürdig mutet das dabei entstehende »Verhältnis« zu einem jungen Mädel namens Frieda an. Ohne, dass beide nennenswert verliebt ineinander scheinen, verspricht sich wohl jeder etwas von der Beziehung mit dem Partner: Frieda will wohl ihre Exklusivität mit dem »Fremdenbonus« erhöhen, K. möchte gern Zutritt zur Dorfgemeinschaft, die ihm als Sprungbrett zum Schloss dienen soll.

Alles wird aber nur schlimmer. Durch seine Aufklärung suchende »Sturheit« (dem Benutzen seines gesunden Menschenverstands), die nirgendwo auf Widerhall trifft, wird seine Situation immer auswegloser, er »verscherzt« es sich mit immer mehr Leuten und verletzt ungeschriebene (und nicht selten unsinnig erscheinende) Regeln. Am Ende ist nichts Nennenswertes erreicht.

Gedanken

Das Ende des Buchs finde ich – auch nach längerem Nachdenken – nicht besonders befriedigend. Der erste Eindruck war: »Wie! Vorbei? Wo ist das Ende?« Eigentlich hätte man erwartet, dass das Buch wie schon »Der Prozess« mit dem Tod der Hauptfigur endet.

Eben noch erzählt das Mädel, das Friedas Posten zeitweise übernehmen durfte, von den Intrigen, die K. wohl übersehen habe (und die er gerne abstreitet), dann wird in Aussicht gestellt, dass K. in Zukunft bei den wenig geachteten Zimmermädchen unterkommen darf und vielleicht das ein- oder andere Mal einer Wirtin bei der Wahl ihrer Kleidung helfen darf. Dann ist abrupt das Ende erreicht. Verstoßen ist er nicht, angekommen aber wohl auch nicht3)Man kann berechtigterweise einwenden, dass Kafka das Buch nicht beenden konnte und sich daraus das seltsame Ende ergibt. Das erklärt sicher einiges, bringt dem Leser effektiv aber wenig..

Im Vergleich zu »Der Prozess«4)bisher noch nicht hier vorgestellt fehlt der große Bogen und eine nennenswert voranschreitende Handlung. Ich hatte bei all den Besuchen und Forschungen des K. wenig den Eindruck, dass auch nur eine Chance auf Besserung bestand, sodass mir das Buch gegen Ende ermüdend erschien5)so ermüdend wie Kafka zu diesem Zeitpunkt das Leben erschien?.

Gerade dieser Aspekt ist einer, der mir besonders hängen geblieben ist. Die Menschen des Dorfes reagieren zumeist ablehnend, intransparent und unwahrhaftig (im Sinne von K.). Es gibt gefühlt keinen Platz für echte Nähe. K. wird im Dorf nicht gebraucht und ist letztlich nur sinnlos eindringender Störenfried.

Vielleicht gerade wegen der Aussichtslosigkeiten ist es nicht schlecht geeignet, im Winter bei Schnee und Glätte gelesen zu werden. Man verfolgt die traurigen Anstrengungen des K., denkt an die eigenen traurigen Anstrengungen beim Fahren bei Glatteis, und kann sich doch ein wenig darüber freuen, dass es einem nicht so schlecht ergeht wie K.

Fußnoten   [ + ]

1. und manch einer vermutet, dass K. gar kein Landvermesser ist …
2. abgesehen von seinen nutzlosen Gehilfen, deren Rolle sehr ambivalent erscheint: einerseits anhänglich und hilfbereit, andererseits hinterlistig und vielleicht böswillig; man weiß es nicht
3. Man kann berechtigterweise einwenden, dass Kafka das Buch nicht beenden konnte und sich daraus das seltsame Ende ergibt. Das erklärt sicher einiges, bringt dem Leser effektiv aber wenig.
4. bisher noch nicht hier vorgestellt
5. so ermüdend wie Kafka zu diesem Zeitpunkt das Leben erschien?

Keijins Geschichte, Teil 3: Verraten

Im Königreich Hajumi herrschte in einigen Teilen Unruhe. Bauern verweigerten Abgaben an den König und kündigten Widerstand an.

Dies würde als letzte Probe des als grausam geltenden Keijin, Sohn des erfolgreichen Feldherrn Kanojin, gezählt werden. Nach Bestehen der Probe standen Gold und Anspruch auf hohe Ämter für alle Beteiligten in Aussicht. Der Aufstand musste um jeden Preis niedergeschlagen werden. …

Auf seinem ersten Feldzug bezwang Keijin zwanzig Dörfer, tötete mit seinen Soldaten etwa 700 Zivilisten, ließ 30 strategische Vergewaltigungen durchführen, wenigstens die Hälfte aller Häuser niederbrennen und legte großen Wert darauf, aus Familien der Überlebenden einzelne Männer und Frauen in Gefangenschaft zu nehmen, um die ohnehin angeschlagene Moral seiner Landsleute weiter zu schwächen. Keijins Vater war mit dem Vorgehen zufrieden und stachelte Keijin an, seinen Feldzug gegen das aufmüpfige Volk fortzuführen. Keijin, ein Mann von 23 Jahren, war seinem Vater hörig und ging erneut in die Schlacht.

Auf seinem zweiten Feldzug bezwang er dreißig weitere Dörfer, tötete etwa 100 Zivilisten, brannte mindestens drei Viertel aller Häuser nieder, verödete die Äcker, ließ alle überlebenden Frauen und Kinder gefangen nehmen und vergiftete die nahe gelegenen Flüsse.

Kanojin war erneut sehr zufrieden mit seinem Sohn und sprach: »Wenn du weiter so tapfer die Ehre unserer Familie vertrittst, wirst du in Kürze zum Prinzen des Landes aufsteigen. Alle werden dich und deine Methoden fürchten, keiner wird sich dir in den Weg stellen!«

Ein drittes Mal musste Keijin gegen seine Landsleute kämpfen, um zu Ruhm und Ehre zu kommen. Mit einem unerklärlichen Unbehagen machte er sich auf zur entscheidenden Schlacht.

Nachdem er und seine Soldaten 25 weitere Dörfer in Schutt und Asche gelegt, dabei alles Lebendige erschlagen, Flüsse vergiftet und Äcker verödet hatten, schien die Arbeit getan, als sich Keijin ein militanter Haufen Aufständischer in den Weg stellte und ihn zur Rede stellte: »Wer bist du Keijin, dass du hunderte Leben zerstörst, Flüsse vergiftest und Äcker unfruchtbar machst? Wer gibt dir das Recht, diese Welt so zu formen, wie es dir passt?«

Keijin saß nachdenklich auf seinem Pferd und rieb sich das blutverschmierte Kinn. Statt einer Antwort nutzte Keijins oberster Vertrauter die ihm peinlich erscheinende Situation, um sein neues Schwert, das er sich dank der guten Bezahlung nach dem letzten Feldzug leisten konnte, zu ziehen, und die Fragesteller zum Schweigen zu bringen. Keijin schien keine Notiz vom Geschehen zu nehmen.

Als der Trupp jedoch im nächsten Dorf ankam, konnte Keijin sein Schwert nicht mehr gegen seine Landsleute erheben. Ohne den Grund dafür zu kennen, versagte ihm die Schwerthand, wollte nicht nach dem Schwert greifen, nicht wie gewohnt Körper, Gliedmaßen und Gesichter teilen.

Stattdessen stand Keijin etwas abseits und schaute mit stumpfem Blick dem Treiben zu, den um Gnade flehenden Männern, Frauen und Kindern; betrachtete die brennnenden Häuser und Felder und seine Untergebenen, die tonlos über die Wehrlosen herfielen. Nach einigen Stunden war das Dorf zerstört, komplett abgebrannt und vernichtet. Der oberste Untergebene erstattete dem immer noch wie erstarrt am Rande stehenden Keijin Bericht und mahnte zur baldigen Weiterreise.

Keijin begann nun tatsächlich, sein Pferd in Bewegung zu versetzen, ritt jedoch in die falsche Richtung. Anstatt zum nächsten Dorf zu eilen, ritt er einige Kilometer den Fluss entlang, bis seine Kameraden nicht mehr zu sehen waren. Dann stieg er vom Pferd und ertränkte sich wortlos im vergifteten Fluss.

Murakami: Schlaf

Mit Schlaflosigkeit kennt sich die Hauptfigur der Geschichte wegen eines ähnlichen Vorfalls vor Jahren aus. Aber auf ihre neue Situation ist die Mutter und Hausfrau nicht vorbereitet. In ihrem sonst tristen Leben voll gleichförmiger Abläufe und ebenso gleichförmiger Interaktionen mit vorhersagbaren Menschen in ihrer Umgebung öffnet sich eine Lücke: die Nacht.

Während andere schlafen müssen, bleibt sie problemlos hochkonzentriert wach, nachdem sie einem finsteren Traum entkommen ist. Sie trinkt Cognac, isst Schokolade und liest dabei ein Buch nach dem anderen, ganz wie früher, als sie noch ungebunden und das Lesen essentieller Bestandteil ihres Lebens war.

Dabei wird ihr Verhältnis zur Realität immer gebrochener. Die ohnehin mechanischen Arbeiten des Tages verlieren jeden Sinn, die Interaktion mit ihrer Familie wird zur Farce. Veränderungen wie ihre durch Schwimmen verbesserte Physis werden offenbar nicht wahrgenommen.

Der Bruch mit der Realität wird am deutlichsten, als sie sowohl ihren Mann und auch ihren Sohn im Schlaf beobachtet und für sich feststellen muss, dass sie der Ekel bei ihrem Anblick packt.

Mit zunehmender Klarheit und Absonderung von der Realität erfasst sie eine unangenehme Unruhe, die sie eines Abends durch eine Fahrt in ihrem City auszugleichen versucht. Dadurch werden ihre Probleme jedoch nur verstärkt.

Auf einem einsamen Parkplatz wird sie von zwei Männern überfallen, die ihr Auto durch Wippen zum Umstürzen bringen wollen. Es ist wohl der gleiche Parkplatz, an dem vor Kurzem ein Pärchen umgebracht wurde, wie ihr ein Polizist beim letzten Besuch mitteilte.

Damit endet die Geschichte abrupt und der Leser muss sich selbst einen Reim darauf machen, warum das so ist. Ist bereits alles gesagt? Greift hier eine Vorstellung, die man nur verstehen kann, wenn man Japaner ist? Offenes Ende?

Zur Interpretation der Geschehnisse sind mir ein paar Ideen gekommen:

  1. Die Akteurin ist bereits zu Beginn der Geschichte tot. Sie starb in der Nacht ihres schrecklichen Alptraums, in dem sie bewegungsunfähig von einem älteren Mann an den Füßen mit Wasser begossen wird.
    Im Zustand des Todes, den schließlich kein Lebender kennt, durchläuft sie (geistig?) weiter ihren Alltag mit Ausnahme des Schlafs (des “kleinen Tods”). Da sie nicht durch Schlaf “auffrischen” kann, hängt sie für immer1)oder bis zu ihrer Auslöschung in ihrer aktuellen Disposition, die sich durch die freudlose Interaktion mit ihrer Umwelt zeigt.
    Da sie tot ist, verbraucht sie allerdings auch keine Energie und kann ungehemmt ihren Tätigkeiten nachgehen.
    Der abschließende Überfall könnte ihre Auslöschung oder nur eine Episode sein, wobei ich zu ersterem Tendiere. Sie nimmt immer weiter Abschied von ihrem bisherigen “Leben” und sucht vielleicht unbewusst ein Ende dessen.
  2. Die Akteurin erlebt die Geschehnisse tatsächlich. Die Gründe für den Schlaf als Notwendigkeit sind nicht hinreichend geklärt. Es wäre denkbar, dass man mit bestimmten Genen ausgestattet tatsächlich ohne Schlaf auskäme. Ein Schlafentzug im klassischen Sinne wäre nicht möglich, denn dann wäre es der Akteurin nicht möglich, konstante Aufmerksamkeit zu produzieren.
    Auch in dieser Variante würde die unveränderliche Disposition ein Abreißen von der Realität herbeiführen, dafür aber zum Ende durch zunehmenden Stress und der folgenden Gewalttat der unbekannten Angreifer zum Tode führen.
  3. Die Akteurin befindet sich in einem Koma. Vielleicht durch den in Punkt 2 angegebenen Traum ausgelöst fällt die Akteurin in ein Koma, in dem der Schlaf illusorischerweise aufgelöst erscheint. Mit fortschreitender Zeit emanzipiert sie sich von dem fahlen Abguss der Realität, den ihr Hirn ihe vorspielt und ist gegen Ende der Geschichte kurz davor, das Bewusstsein wieder zu erlangen. Das Rütteln des Wagens steht dementsprechend für Menschen außerhalb ihrer Traumwelt, die sie zu wecken versuchen.

Man kann die Geschichte aber auch auf sich bewenden lassen. Wer offene oder grübelfreundliche Enden nicht mag, ist bei dieser Erzählung an der falschen Adresse.

Für die Verbleibenden dürften die ganzseitigen Illustration im Buch von Interesse sein. Hochwertig in Schwarz, Weiß und glänzendem Silber gedruckt, unterstützen die Bilder von Kat Menschik die Botschaften des Texts. Eine perfekte Symbiose ist nicht gelungen, aber eine gute Kombination auf jeden Fall.

Wer sich für Bilder nicht begeistern kann und mehr Wert auf Inhalt legt, kann deutlich Geld sparen, indem er den Band “Der Elefant verschwindet” kauft.

Fußnoten   [ + ]

1. oder bis zu ihrer Auslöschung

Keijins Geschichte, Teil 2: Verlogen

Keijin, Anwärter auf den Thron, Sohn des hochdekorierten Feldherrn Kanojin und Unterdrücker der Untergebenen, musste zu seinem 17. Geburtstag an einem Turnier zum Test seiner Männlichkeit teilnehmen.

Mit vielen anderen Jungen seines Alters sollte er mehrere Tage in der Natur verbringen und sich nur von dem ernähren, was ihm der Wald und die Felder zur Verfügung stellten.

Es stand ihm wie den anderen frei, zu einem beliebigen Zeitpunkt aufzugeben. Jedoch würde seine Männlichkeit erst gesichert, wenn er die – durch die Obersten vorher festgesetzten – Tage ausharren würde.

Keijin nahm die Aufgabe nur widerwillig an, hätte lieber verzichtet. Doch die Prüfung sollte entscheidenden Einfluss auf seine Glaubwürdigkeit als potenzieller Thronfolger haben. Also beschloss er zumindest, die Angelegenheit irgendwie hinter sich zu bringen.

Da es keine Regeln gab, wie die Jungen die Aufgabe meistern müssten, schloss Keijin sich einem erfahrenen Bauernjungen an, der sich auf das Sammeln von essbaren Kräutern, Pflanzen und Beeren verstand.

Problemlos hätten beide wenigstens 7 Tage von den Dingen leben können, die der Junge sammelte, doch Keijin erpresste ihn und verlangte einen Großteil der Beute. Dadurch verließen den Jungen nach drei Tagen die Kräfte. Er gab missmutig auf.

Um seinen Ernährer gebracht, machte sich Keijin auf die Suche nach einem weiteren Jungen, den er ausnutzen konnte.

Schon bald fand er jemanden, der sich mit dem Jagen kleiner Tiere auskannte. Mit diesem ging er einige Tage auf Jagd und sie teilten sich die Beute. Nach wenigen Tagen verlor Keijin jedoch das Interesse an der Zubereitung der Tiere. Es erschien ihm langweilig und seiner nicht würdig. So überließ er zunehmend dem anderen Jungen das Zubereiten und bald darauf auch das Jagen.

Der Junge war mit dieser Arbeitsteilung unzufrieden und ließ sich nicht von den Drohungen Keijins beeinflussen.

Keijin tobte innerlich vor Wut, ließ sich vorerst aber nichts anmerken. Für einen weiteren Tag jagte er mit und schlug vor, an der nahe gelegenen Küste, an den Felsen mit der weiten Aussicht, die Zubereitung der Beute vorzunehmen.

Der Junge freute sich über das Einlenken Keijins und fing besonders viele Tiere. Statt eines Danks lockte Keijin den Jungen zu den Felsen und stieß ihn ohne Vorwarnung und ohne letzte Worte in die Tiefe.

Die Vorräte für die kommenden Tage waren nun seine.

Mittlerweile waren 11 Tage vergangen. Die meisten Jungen hatten aufgegeben und zum größten Teil bestanden. Keijin blieb noch weitere 12 Tage in der Wildnis und wurde schließlich vom Ausrichter abgeholt und zurück in die Zivilisation gebracht.

Durchhaltevermögen und Willenskraft des jungen Keijin wurden in höchsten Tönen gelobt und sein höchst erfolgreiches Unternehmen im ganzen Land verbreitet. Der »wilde Keijin« wurde zum Mythos der Veranstaltung, denn niemand hatte bisher so lange in der Wildnis überlebt ohne aufzugeben.

Keijins Geschichte, Teil 1: Verliebt

Keijin, Anwärter auf die Position des Königs, zukünftiger Herrscher und Unterjocher, verliebte sich mit 17 Jahren in eine Bedienstete. Von seinem Vater zu Härte und Unnachgiebigkeit erzogen, waren ihm die neuen Gefühle nicht nur fremd, sondern auch äußerst unangenehm. Gerne hätte er darauf verzichtet, vor Onokawa rot zu werden, verlegen zur Seite zu sehen oder ihr für Außenstehende scheinbar grundlos aus dem Weg zu gehen. Nach einigem Ringen um seine innere Einstellung zwang er sich dazu, die Angelegenheit als eine Herausforderung zu betrachten. Aus wichtigen Büchern hatte er gelernt wie ein Mann sich gegenüber einer zu erobernden Frau zu verhalten habe. Eines Abends lud er die Bedienstete zum Abendessen ein, machte ihr einige Komplimente, die ihr das eine oder andere Lächeln auf die Lippen zauberten.

Keijin deutete dies als Einladung zum baldigen Geschlechtsverkehr und versuchte die körperliche Distanz zwischen beiden zu verringern. Einen Überraschungskuss ließ Onokawa noch über sich ergehen, war jedoch schnell mit der Forschheit ihres Eroberers überfordert. Schließlich stieß sie ihn von sich und wollte gehen.

Keijin war jedoch vollends entbrannt und akzeptierte keinen Widerspruch. Ohne weitere Worte schritt er zur Tat und vergewaltigte seine schreiende und tobende »Geliebte«. Nach etwa 30 Minuten war Keijin fertig und vom Schreien der Geliebten wie betäubt. Trotzdem wertete er die Erfahrung als Schritt in die richtige Richtung und warf sie mit einem Lächeln hinaus.

In den folgenden Wochen verspürte Keijin immer wieder den Wunsch danach, seinen Gelüsten nachzugehen. »Ach, muss die Liebe schön sein«, wurde sein Lieblingsspruch, den er ständig auf den Lippen trug.

Seine Geliebte geriet hingegen immer mehr in Verzweiflung, nachdem ihr klar wurde, dass sie bei Keijin nicht auf Menschlichkeit hoffen konnte. Umso mehr schmerzte es sie, dass niemand etwas gegen die Untaten des potenziellen Thronfolgers unternahm. Er besaß das Recht auf beliebiges Vorgehen, solange er sich dabei nicht allzu auffällig verhielt. Nach einem halben Jahr stieg ihre Verzweiflung ins Unermessliche. Die Monate voller Qualen und Häme ließen ihre Lebenskraft schwinden, sodass sie sich an einem verregneten Morgen von einem nahe gelegenen Fels stürzte.

Keijin nahm die Nachricht ihres Todes unwillig zur Kenntnis, murmelte etwas in der Art von »Ist doch selbst schuld«, und redete nicht weiter darüber. Stattdessen suchte er nach einer weiteren Frau, die für seine Triebabfuhr geeignet schien. Zu seinem Bedauern fand er keine Frau, die seinen Vorstellungen entsprach, und kehrte missmutig zu seinem früheren Leben zurück.

Dostojewski: Die Sanfte

Wenn man die Erzählung kurz zusammenfassen sollte, würde ich sagen: eine Gemeinheit auf 78 Seiten.

Jedem halbwegs empathischen Leser muss das Herz wenigstens ein klein wenig schwerer werden, wenn er lesen muss, wie ein gestörter Erwachsener sich ein nicht einmal volljähriges, verzweifeltes Mädchen erkauft und es langsam durch Schweigen und Vernachlässigung an den Rand der Erschöpfung treibt.

Bedingt durch ein vermiedenes Duell vor Jahren, das ihn zeitweise an das untere Ende der Gesellschaft gepresst hat und dessen Schande ihm schwer auf der Seele liegt, ist ihm nach Unterwerfung eines Menschen, der sich nur unzureichend wehren kann. Die “Sanfte” will, nachdem sie einsehen muss, dass ihr ein halbwegs annehmliches Leben nicht gegönnt ist, hingegen einfach ihre Ruhe.

Sie versucht nach wiederholtem Widerstand verschiedener Art einen bewaffneten Befreiungsschlag, vor dem sie letztlich zurückschreckt. Obwohl sie sich dem Mann vollends ergibt, bietet er, dem die Situation nicht entgangen ist, nun etwas Abstand, den sie bereitwillig annimmt.

Gegen Ende der Erzählung nimmt er ihr diesen Raum wieder; nicht mit zuwenig, sondern zuviel Aufmerksamkeit. Mit närrischen Versuchen der Besitzergreifung inklusive Füßeküssen, ausführlicher Selbsterklärung und Alles-wird-gut-Erklärungen treibt er sie in eine neue, bisher ungekannte und verstörende Enge, aus der sie nur einen Ausweg sieht.

Auf der Buchrückseite heißt es, der Herr sei gleichzeitig Opfer und Täter durch die Geschehnisse in seiner Vergangenheit. Auch von schmerzlicher Plötzlichkeit der Liebe ist die Rede.

Ich sehe hier eher einen übersensiblen Machtmenschen, dessen Besitzergreifungs- und Niederdrückungsinstinkte sich nur auf zwei Arten zeigen ohne letztlich etwas anderes zu werden. Die “Schande” seiner (angeblichen) Feigheit und die daraus resultierende harte Zeit mag Spuren hinterlassen haben. Aber das Handeln des Herrn lässt sich damit meiner Meinung nach kaum begründen. Wie soll das gewollte und konsequente Brechen eines Menschen im Verhältnis zu einer Verletzung des Stolzes stehen1)Der Zweifler mag hier meinen: Die Verletzung des Stolzes und die nachfolgenden Jahre der Niedrigkeit haben seinen Charakter ebenso gebrochen wie er den des Mädchens. Wenn das auch stimmen mag: Es liegt immer noch ein großer Unterschied zwischen dem Ertragen und dem Ausführen übler Handlungen. Jemand, dem Schlechtes widerfährt, muss dadurch nicht schlecht werden, selbst wenn er dabei zerbricht ? Auch kleinere Andeutungen, die innere Widersprüche in der Person suggerieren sollen (zum Beispiel der Plan des Mannes, für ein Haus zu sparen, in dem er mit Kind und Kegel glücklich leben würde, wovon er dem Mädchen nichts erzählt) finde ich nicht ausreichend überzeugend, zumal der Mann im Buch “selbst”2)Der Bericht ist erdacht berichtet und alles so scheinen lassen kann wie es ihm gefällt.

Fußnoten   [ + ]

1. Der Zweifler mag hier meinen: Die Verletzung des Stolzes und die nachfolgenden Jahre der Niedrigkeit haben seinen Charakter ebenso gebrochen wie er den des Mädchens. Wenn das auch stimmen mag: Es liegt immer noch ein großer Unterschied zwischen dem Ertragen und dem Ausführen übler Handlungen. Jemand, dem Schlechtes widerfährt, muss dadurch nicht schlecht werden, selbst wenn er dabei zerbricht
2. Der Bericht ist erdacht

Die Wahrheit über Fischstäbchen

Da braten sie, die Fischstäbchen. Nur vier Minuten sollen sie auf jeder Seite liegen und schon sind sie gar. Zumindest steht das auf der Verpackung.

Aber die Wirklichkeit ist weit entfernt von dem, was uns weis gemacht wird. Neueste Untersuchungen haben ergeben, dass es mit dieser Aussage nicht weit her ist. Dazu Professor Zweifarb:

“Wir ähem… haben in zahlreichen – ich möchte fast sagen vielen – Tests in der Praxis herausgefunden, dass der Zeitraum, den besagte Fischstäbchen brauchen, um gar zu werden, weitaus länger ist als bisher angenommen. Es stellen sich von Marke zu Marke sogar dramatische Unterschiede ein. Ganze Minuten verstreichen zusätzlich, bis das Produkt tatsächlich seinen erwünschten Zustand erreicht. Wir müssen die Bevölkerung auf diesen Missstand hinweisen und haben aus diesem Grund die Aktion “Aufklärung über die viel länger zu bratenden Fischstäbchen” in die Welt gerufen und hoffen, in den Aufklärungsreisen durch ganz Deutschland die Menschen auf die Risiken und Auswege aus dieser unannehmbaren Krise hinzuweisen. Gerade ich als Wissenschaftler fühle mich verantwortlich, die Menschheit, beginnend in meinem eigenen Land, zu heilen. Keine halbfertige Gräte soll es in den Hals eines armen kleinen Jungen schaffen, niemand soll sich über rohes Fischfleisch aufregen müssen. Wir haben so schon genug zu leiden. Dem muss ein Ende gesetzt werden. Und ich fange an – mit der Aufklärung über zu kurze Fischstäbchenbratzeiten! Außerdem komme ich seit langem mal wieder aus diesem Labor heraus. Ich bin ja so einsam…“

Nach einer kurzen Pause fährt er fort:

”Außerdem können sie auf unserer Homepage, die gerade unten eingeblendet wird, einen Fragebogen ausfüllen, mit dessen Hilfe sie erkennen können, wie gefährdet sie sind, Opfer der zu kurz bratenden Fischstäbchen zu werden. Oder besuchen Sie unsere Selbsthilfegruppe, die bereits viele tausend Menschen in Anspruch nehmen”

Der Professor hält ein Blatt in die Luft. Auf ihm ist eine Adresse – vermutlich der Hauptsitz der Gruppe – und ein Plan vermerkt:

Hier finden Sie uns:

Iglostraße 34
1857298 Klein Unteroberbergdorfhausen

Die Themen der nächsten Woche:

  • Montag: Der Fischstab – ein seltenes Unterwassertier
  • Dienstag: Mein Leben – mein Fischstäbchen – eine Philosophie
  • Mittwoch: Kochkurs: die Kunst der Fischstäbchenbraterei
  • Donnerstag: Genialer Geschäftsmann oder Fischstäbchenquäler: Käpt’n Iglo
  • Freitag: Fischstäbchen und Kleidung = Fishbone?
  • Samstag: Fischstäbchenvielfalt in der Küche: püriert, geschlagen, gehackt, gekocht, gegrillt, fritiert, zerstampft und gegessen
  • Sonntag: 10.00 Uhr: Kirchengang in die Käpt’n Iglo Kirche; Pater Nordsee erzählt von der Zähmung des wilden Fischstäbchens an der australischen Küste vor zwanzig Jahren durch den ehrwürdigen Käpt’n.

Teilnahme an den Veranstaltungen ist natürlich kostenlos.

Es muss erst danach ein variabler Betrag gezahlt werden, der vor Ort durch den anwesenden Pater festgelegt und durch einen Anruf beim ehrwürdigen Käpt’n verifiziert wird. Jeder Teilnehmer, ausgenommen des Paters, darf freiwillig den genannten Preis bezahlen – und wenn er wünscht sogar mehr zahlen; jedoch nicht weniger. Besitzer der Iglo-Card bezahlen nur die Hälfte.

Der Professor nimmt das Blatt wieder herunter. Er schwitzt, holt ein Taschentuch hervor und versucht das Triefen zu unterbinden. Seine Augen strahlen Rastlosigkeit aus. Wahrscheinlich ist die Pistole in seinem Rücken daran schuld. Man hört Getuschel hinter dem Professor, der daraufhin erneut zu reden beginnt:

”Ähäm … Meine Damen und Herren! Ich bedanke mich für ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen allen einen … schönen Tag und hoffe, dass wir uns wiedersehen – auf meiner … wundervollen, … aufklärungsreichen … Tour. Bis dann”

Doch als der Professor seine Tour beginnen sollte, verschwand er mit einem Mal. Die Klatschpresse mutmaßte, dass er ein geheimes Unsichtbarkeitsserum gefunden habe, aber einige wussten genau, dass er der durchtriebenen Iglo-Organisation in die Hände gefallen und in Ungnade gefallen war. Was sie mit ihm gemacht haben ist nicht bekannt. Es wird jedoch gemunkelt, dass er dem Riesenfischstäbchen, das Käpt’n Iglo in seinem Privatpool hält, zum Fraß vorgeworfen wurde …

Carlos Ruiz Zafón: Das Spiel des Engels

Ein bisschen fühlt man sich beim anfänglichen Lesen des Buchs an Dickens “David Copperfield” erinnert, wenn Zafón aus der Jugend des Schriftstellers David Martín erzählt. Aus schwierigen ärmlichen Verhältnissen kommend, schafft er es dank gönnerhafter Freunde, einen bescheidenen Ruf aufzubauen. Hier hören die Gemeinsamkeiten allerdings auf.

Als der unbekannte pariser Verleger und (Erz)“Engel” Andreas Corelli in Davids Leben tritt, um ihn mit einem Buch zu beauftragen, gerät Davids Leben langsam aber sicher aus den Fugen, um schließlich komplett ins Chaos zu stürzen.

Seine kleine Welt dreht sich um das Schreiben und einige wichtige Charaktere wie Cristina, seiner großen Liebe, Sempere, einem Buchhändler, Vidal, seinem Gönner mit einem dunklen Geheimnis und später Isabella, seiner zeitweiligen Assistentin, die auf Davids Bühne des Lebens wandeln, nur um sie nach einiger Zeit wieder zu verlassen. Nicht zu vergessen Corelli, der eine Sonderrolle einnimmt.

Zafón erzählt mit schriftstellerischer Routine aus dem Leben David Martíns. Es kommt kaum Langeweile auf und bleibt bis zuletzt spannend. Die vorgestellten Charaktere sind zumeist zugänglich und lebendig beschrieben, die Schilderungen der Räumlichkeiten und der Stadt Barcelona treffend und plastisch. Die emotionale Handlung des Buchs lässt zumindest anfangs kaum Wünsche offen.

Die Reise mit Zafón hat allerdings Schattenseiten. Immer wahnwitziger werden die Handlungsstränge, immer dubioser die Charaktere. Ab dem dritten Akt läuft alles aus dem Ruder.

Schon bald muss man sich fragen, wie Zafón die zahlreichen Handlungsstränge auf verschiedensten Ebenen jemals wieder auflösen will.

Und siehe da, er tut es nicht. Das Ende ist wie ein Schnitt und der entschuldigend wirkende Epilog einfach nur verwirrend. Hals über Kopf beendet sich das Buch selbst, rennt vor sich selbst davon.

Bei vielen Lesern dürfte zum Schluss Enttäuschung und ein Anflug von Melancholie aufkommen, nachdem man Zafón beim Zerfleischen der Charaktere, die er vorher so liebevoll aufgebaut hat, zusehen muss. Das Buch gibt einem zeitweise das Gefühl, die Welt wäre gerade noch ein bisschen sinnloser und dunkler geworden. Darüber, ob dies parodistische Absicht des Autors ist, Pessimismus ausdrückt oder Zafón mit seinem Roman einfach in eine verfahrenen Situation geraten ist, bleibt der Spekulation des Lesers überlassen.

Wer in dieses Buch eintauchen möchte, über das deprimierende Ende hinweg sehen kann und sich vom Abwärtsstrudel des dritten Aktes nicht aus der Ruhe bringen lässt, wird in “Das Spiel des Engels” ein gutes, wenn auch nicht ausgezeichnetes Buch finden.

Gefangen

Herr Müller, 54, verheiratet, zwei Kinder, steht montags bis freitags um 5.30 Uhr auf. Gewaschen und geputzt verlässt er sein bald abbezahltes Eigenheim um 6.15 Uhr. Arbeitsbeginn 7.00 Uhr.Mittagspause 12.30 Uhr, Schluss 16.30 Uhr.

Nach einem Tag ohne nennenswerte Vorkommnisse kommt er um 17.00 nach Hause. Durch die Arbeit erschöpft lässt er RTL, ein paar Bier und das Gerede seier Frau über sich ergehen. Manchmal streut er konfus Erlebnisse aus seinem Alltag ein. Zu seinem Glück hört sie ihm genauso wenig zu wie anders herum.

Rechtzeitig, gegen 21.30 Uhr, begibt er sich leicht betrunken ins Bett, um den beschriebenen Ablauf am nächsten Tag wieder aufleben zu lassen. Oft überkommt ihn vor dem Schlafen unwillkürlich ein Schauer bei dem Gedanken an die kommenden Tage, doch sein wohliges Bett lässt ihn schließlich vergessen.

Wochenends schaltet er auf Entspannung um. Er geht seinem einzigem Hobby, dem Sammeln seltener Regenwurmarten nach (2004, als der Regenwurm zum “wirbellosen Tier des Jahres” ernannt wurde, war er besonders aktiv). In Fachkreisen genießt er einige Anerkennung. Samstags darf etwas mehr getrunken werden und der wöchentliche rituelle, wenn auch größtenteils lustbefreite, Beischlaf nicht fehlen.

Manchmal, während kurzer Momente am Wochenende, wenn der Alltag für Sekunden seine Wirkung verliert, überkommt ihn eine tiefe Leere und Traurigkeit. Er hält inne bei dem, was er gerade macht und starrt betreten vor sich hin. Erinnerungsfetzen kehren wieder, Episoden aus seinem Leben finden bruchstückhaft Zugang zur Gegenwart.

In Chronologischer Reihenfolge zusammengefasst:

  • Unaufgeregte Kindheit, mittelmäßig viele mittelmäßige Freunde
  • Treffen seiner Zukünftigen während seiner wilden Zeit auf Malle.
  • Miteinander gehen, bis es langweilig wird
  • Verloben, bis es eintönig wird
  • Heiraten, bis es anstrengend wird
  • Kinder bekommen und großziehen, bis die Kinder wegziehen
  • Midlife-Crisis bekommen und abgedrehte Ideen umsetzen, bis sich herausstellt, dass es keinen Unterschied macht
  • Sich auf Langeweile einstellen, weil nichts mehr bleibt

Lange währt die Ohnmacht nicht. Schnell schüttelt er das Ungewohnte ab, stellt den Status Quo wieder her.

Wenn er allzu unruhig wird, ruft er sich stets innerlich zu: “Mir geht’s gut! Mir geht’s prächtig!”

Postman: Amusing Ourselves to Death

Das Gute

Etwas mehr als 160 Seiten hat das Buch, ist also kein Wälzer. Von der Geschichte der Medien zur Gegenwart mit Beispielen und zum allgemeinen Standpunkt mit Lösungsansatz ist das Buch strukturell sinnvoll aufgebaut und gibt dem Leser einen eindeutigen Eindruck davon, welche Grenzen und Möglichkeiten die bisherigen Leitmedien bieten und boten. Von der Kommunikation “Ohr-zu-Ohr” über das gedruckte Wort, bis hin zum unterhaltenden Bildschirm, werden die prägenden Medien abgedeckt.

Die großen Stärken des Buchs liegen in der kritischen Beschäftigung mit Medien überhaupt und der historischen Aufarbeitung der Medienentwicklung aus amerikanischer Sicht. Die Reflexion der Medien spielt im Geist der Allgemeinheit leider bis heute kaum eine Rolle. Es wird zu oft hirnlos konsumiert, Stärken und Schwächen der vorherrschenden Medien werden kaum erörtert. Man nimmt die Vorherrschaft der Bildschirme und des Infotainments oft gedankenlos hin. Wer sich bisher wenig mit den Vor- und Nachteilen der modernen Medien beschäftigt hat, kann beim Lesen dieses Buchs viele neue Erkenntnisse mitnehmen.

Das weniger Gute

Postman betont wiederholt, dass seine Darstellung nicht als Kampfrede gegen das Fernsehen gemeint ist. Offenbar kennt er zwar die Nachteile des Mediums Fernsehen, aber lässt sich nicht auf die Vorteile ein. Erst im letzten Kapitel weist er darauf hin, dass ein Verbot keine Lösung ist, sondern eine gewissenhafte Nutzung des Fernsehens im Vordergrund stehen muss. Diese Weisheit wirkt im Vergleich zu den voran gegangenen Kapiteln gefüllt mit Negativ-Darstellungen des Fernsehens wenig überzeugend.

Sicherlich hat er in Bezug auf die große Masse recht damit, dass das Fernsehen nur (Schmalspur-)Unterhaltung bietet, betont aber nicht, dass das Fernsehen auch informative, qualitativ hochwertige Sendungen bietet, die dem Zuschauer wissenswerte Informationen bieten kann. Das geschriebene Wort hingegen kann Postman nicht oft genug ins rechte Licht rücken. “Als das Buch noch allein die Welt beherrschte, war alles besser” könnte Postmans Slogan sein.

Ebenfalls nicht angesprochen werden Verbindungen verschiedener Medien. Beispielsweise kann ein langweiliges Textbuch durch historische Aufnahmen wichtiger Ereignisse aufgewertet und besser vermittelt werden. Auch die Aussage, dass kaum etwas von dem, was durch das Fernsehen im Bildungsbereich vermittelt wird, hängen bleibt, ist nicht nur Frage des Mediums, sondern auch des Umgangs damit. Wenn Lehrende voraussetzen, dass man Inhalte verfolgt, sich Notizen macht und wichtige Punkte nach dem Schauen diskutiert, kann man hier nicht grundsätzlich von einer Fehlnutzung ausgehen.

Außer den eben erwähnten kommt hinzu, dass Postman das Buch an etlichen Stellen durch Wiederholungen gestreckt hat. Immer und immer wieder bringt er zum Beispiel den Vergleich Orwell (bekannt durch “1984” und “Animal Farm”/“Farm der Tiere”) – Huxley (Der Autor von “Brave New World”/“Schöne neue Welt”) an. Der Leser wird (aller)spätestens im letzten Kapitel jedes Wort vorher sagen können: Orwell schreibt von der Unterdrückung durch den “großen Bruder”, Huxley von der selbst gewählten Versklavung. Und Huxley hat natürlich recht. Außerdem lassen einige Schilderungen vermuten, dass Postman nicht so gründlich recherchiert hat wie nötig. Man mag nicht so recht glauben, dass es zu (amerikanischen) Gründerzeiten nur um den hemmungslosen Austausch von Ideen ging, der mit Hilfe des gedruckten Wortes beflügelt wurde. Ganze Kapitel der amerikanischen Geschichte, die in irgendeiner Form hätten Erwähnung finden sollen, wurden nicht aufgegriffen. Von Schwarzen, Indianern und Minderheiten ist in “Amusing Ourselves to Death” nichts zu lesen.

Also?

Auch wenn Form und einige argumentative Schwächen negativ auffallen: Insgesamt ist das Buch lesenswert. Wer einen Blick aus der “Matrix” der modernen Medien werfen will, hinter die Bedeutung des Wortes “Infotainment” gelangen will sollte es versuchen, vorzugsweise auf Englisch.