Carlos Ruiz Zafón: Das Spiel des Engels

Ein bisschen fühlt man sich beim anfänglichen Lesen des Buchs an Dickens “David Copperfield” erinnert, wenn Zafón aus der Jugend des Schriftstellers David Martín erzählt. Aus schwierigen ärmlichen Verhältnissen kommend, schafft er es dank gönnerhafter Freunde, einen bescheidenen Ruf aufzubauen. Hier hören die Gemeinsamkeiten allerdings auf.

Als der unbekannte pariser Verleger und (Erz)“Engel” Andreas Corelli in Davids Leben tritt, um ihn mit einem Buch zu beauftragen, gerät Davids Leben langsam aber sicher aus den Fugen, um schließlich komplett ins Chaos zu stürzen.

Seine kleine Welt dreht sich um das Schreiben und einige wichtige Charaktere wie Cristina, seiner großen Liebe, Sempere, einem Buchhändler, Vidal, seinem Gönner mit einem dunklen Geheimnis und später Isabella, seiner zeitweiligen Assistentin, die auf Davids Bühne des Lebens wandeln, nur um sie nach einiger Zeit wieder zu verlassen. Nicht zu vergessen Corelli, der eine Sonderrolle einnimmt.

Zafón erzählt mit schriftstellerischer Routine aus dem Leben David Martíns. Es kommt kaum Langeweile auf und bleibt bis zuletzt spannend. Die vorgestellten Charaktere sind zumeist zugänglich und lebendig beschrieben, die Schilderungen der Räumlichkeiten und der Stadt Barcelona treffend und plastisch. Die emotionale Handlung des Buchs lässt zumindest anfangs kaum Wünsche offen.

Die Reise mit Zafón hat allerdings Schattenseiten. Immer wahnwitziger werden die Handlungsstränge, immer dubioser die Charaktere. Ab dem dritten Akt läuft alles aus dem Ruder.

Schon bald muss man sich fragen, wie Zafón die zahlreichen Handlungsstränge auf verschiedensten Ebenen jemals wieder auflösen will.

Und siehe da, er tut es nicht. Das Ende ist wie ein Schnitt und der entschuldigend wirkende Epilog einfach nur verwirrend. Hals über Kopf beendet sich das Buch selbst, rennt vor sich selbst davon.

Bei vielen Lesern dürfte zum Schluss Enttäuschung und ein Anflug von Melancholie aufkommen, nachdem man Zafón beim Zerfleischen der Charaktere, die er vorher so liebevoll aufgebaut hat, zusehen muss. Das Buch gibt einem zeitweise das Gefühl, die Welt wäre gerade noch ein bisschen sinnloser und dunkler geworden. Darüber, ob dies parodistische Absicht des Autors ist, Pessimismus ausdrückt oder Zafón mit seinem Roman einfach in eine verfahrenen Situation geraten ist, bleibt der Spekulation des Lesers überlassen.

Wer in dieses Buch eintauchen möchte, über das deprimierende Ende hinweg sehen kann und sich vom Abwärtsstrudel des dritten Aktes nicht aus der Ruhe bringen lässt, wird in “Das Spiel des Engels” ein gutes, wenn auch nicht ausgezeichnetes Buch finden.

Gefangen

Herr Müller, 54, verheiratet, zwei Kinder, steht montags bis freitags um 5.30 Uhr auf. Gewaschen und geputzt verlässt er sein bald abbezahltes Eigenheim um 6.15 Uhr. Arbeitsbeginn 7.00 Uhr.Mittagspause 12.30 Uhr, Schluss 16.30 Uhr.

Nach einem Tag ohne nennenswerte Vorkommnisse kommt er um 17.00 nach Hause. Durch die Arbeit erschöpft lässt er RTL, ein paar Bier und das Gerede seier Frau über sich ergehen. Manchmal streut er konfus Erlebnisse aus seinem Alltag ein. Zu seinem Glück hört sie ihm genauso wenig zu wie anders herum.

Rechtzeitig, gegen 21.30 Uhr, begibt er sich leicht betrunken ins Bett, um den beschriebenen Ablauf am nächsten Tag wieder aufleben zu lassen. Oft überkommt ihn vor dem Schlafen unwillkürlich ein Schauer bei dem Gedanken an die kommenden Tage, doch sein wohliges Bett lässt ihn schließlich vergessen.

Wochenends schaltet er auf Entspannung um. Er geht seinem einzigem Hobby, dem Sammeln seltener Regenwurmarten nach (2004, als der Regenwurm zum “wirbellosen Tier des Jahres” ernannt wurde, war er besonders aktiv). In Fachkreisen genießt er einige Anerkennung. Samstags darf etwas mehr getrunken werden und der wöchentliche rituelle, wenn auch größtenteils lustbefreite, Beischlaf nicht fehlen.

Manchmal, während kurzer Momente am Wochenende, wenn der Alltag für Sekunden seine Wirkung verliert, überkommt ihn eine tiefe Leere und Traurigkeit. Er hält inne bei dem, was er gerade macht und starrt betreten vor sich hin. Erinnerungsfetzen kehren wieder, Episoden aus seinem Leben finden bruchstückhaft Zugang zur Gegenwart.

In Chronologischer Reihenfolge zusammengefasst:

  • Unaufgeregte Kindheit, mittelmäßig viele mittelmäßige Freunde
  • Treffen seiner Zukünftigen während seiner wilden Zeit auf Malle.
  • Miteinander gehen, bis es langweilig wird
  • Verloben, bis es eintönig wird
  • Heiraten, bis es anstrengend wird
  • Kinder bekommen und großziehen, bis die Kinder wegziehen
  • Midlife-Crisis bekommen und abgedrehte Ideen umsetzen, bis sich herausstellt, dass es keinen Unterschied macht
  • Sich auf Langeweile einstellen, weil nichts mehr bleibt

Lange währt die Ohnmacht nicht. Schnell schüttelt er das Ungewohnte ab, stellt den Status Quo wieder her.

Wenn er allzu unruhig wird, ruft er sich stets innerlich zu: “Mir geht’s gut! Mir geht’s prächtig!”

Postman: Amusing Ourselves to Death

Das Gute

Etwas mehr als 160 Seiten hat das Buch, ist also kein Wälzer. Von der Geschichte der Medien zur Gegenwart mit Beispielen und zum allgemeinen Standpunkt mit Lösungsansatz ist das Buch strukturell sinnvoll aufgebaut und gibt dem Leser einen eindeutigen Eindruck davon, welche Grenzen und Möglichkeiten die bisherigen Leitmedien bieten und boten. Von der Kommunikation “Ohr-zu-Ohr” über das gedruckte Wort, bis hin zum unterhaltenden Bildschirm, werden die prägenden Medien abgedeckt.

Die großen Stärken des Buchs liegen in der kritischen Beschäftigung mit Medien überhaupt und der historischen Aufarbeitung der Medienentwicklung aus amerikanischer Sicht. Die Reflexion der Medien spielt im Geist der Allgemeinheit leider bis heute kaum eine Rolle. Es wird zu oft hirnlos konsumiert, Stärken und Schwächen der vorherrschenden Medien werden kaum erörtert. Man nimmt die Vorherrschaft der Bildschirme und des Infotainments oft gedankenlos hin. Wer sich bisher wenig mit den Vor- und Nachteilen der modernen Medien beschäftigt hat, kann beim Lesen dieses Buchs viele neue Erkenntnisse mitnehmen.

Das weniger Gute

Postman betont wiederholt, dass seine Darstellung nicht als Kampfrede gegen das Fernsehen gemeint ist. Offenbar kennt er zwar die Nachteile des Mediums Fernsehen, aber lässt sich nicht auf die Vorteile ein. Erst im letzten Kapitel weist er darauf hin, dass ein Verbot keine Lösung ist, sondern eine gewissenhafte Nutzung des Fernsehens im Vordergrund stehen muss. Diese Weisheit wirkt im Vergleich zu den voran gegangenen Kapiteln gefüllt mit Negativ-Darstellungen des Fernsehens wenig überzeugend.

Sicherlich hat er in Bezug auf die große Masse recht damit, dass das Fernsehen nur (Schmalspur-)Unterhaltung bietet, betont aber nicht, dass das Fernsehen auch informative, qualitativ hochwertige Sendungen bietet, die dem Zuschauer wissenswerte Informationen bieten kann. Das geschriebene Wort hingegen kann Postman nicht oft genug ins rechte Licht rücken. “Als das Buch noch allein die Welt beherrschte, war alles besser” könnte Postmans Slogan sein.

Ebenfalls nicht angesprochen werden Verbindungen verschiedener Medien. Beispielsweise kann ein langweiliges Textbuch durch historische Aufnahmen wichtiger Ereignisse aufgewertet und besser vermittelt werden. Auch die Aussage, dass kaum etwas von dem, was durch das Fernsehen im Bildungsbereich vermittelt wird, hängen bleibt, ist nicht nur Frage des Mediums, sondern auch des Umgangs damit. Wenn Lehrende voraussetzen, dass man Inhalte verfolgt, sich Notizen macht und wichtige Punkte nach dem Schauen diskutiert, kann man hier nicht grundsätzlich von einer Fehlnutzung ausgehen.

Außer den eben erwähnten kommt hinzu, dass Postman das Buch an etlichen Stellen durch Wiederholungen gestreckt hat. Immer und immer wieder bringt er zum Beispiel den Vergleich Orwell (bekannt durch “1984” und “Animal Farm”/“Farm der Tiere”) – Huxley (Der Autor von “Brave New World”/“Schöne neue Welt”) an. Der Leser wird (aller)spätestens im letzten Kapitel jedes Wort vorher sagen können: Orwell schreibt von der Unterdrückung durch den “großen Bruder”, Huxley von der selbst gewählten Versklavung. Und Huxley hat natürlich recht. Außerdem lassen einige Schilderungen vermuten, dass Postman nicht so gründlich recherchiert hat wie nötig. Man mag nicht so recht glauben, dass es zu (amerikanischen) Gründerzeiten nur um den hemmungslosen Austausch von Ideen ging, der mit Hilfe des gedruckten Wortes beflügelt wurde. Ganze Kapitel der amerikanischen Geschichte, die in irgendeiner Form hätten Erwähnung finden sollen, wurden nicht aufgegriffen. Von Schwarzen, Indianern und Minderheiten ist in “Amusing Ourselves to Death” nichts zu lesen.

Also?

Auch wenn Form und einige argumentative Schwächen negativ auffallen: Insgesamt ist das Buch lesenswert. Wer einen Blick aus der “Matrix” der modernen Medien werfen will, hinter die Bedeutung des Wortes “Infotainment” gelangen will sollte es versuchen, vorzugsweise auf Englisch.

Einbahnstraße Zufriedenheitskonsument

Ausstieg in Fahrtrichtung rechts an der Endhaltestelle Boreout.

Der zu Fahrtbeginn ausgeteilte, individuelle Papierschnitt große und kleine Träume sollte bis zur Ankunft in kleine Fetzen zerrissen und durch die halb geöffneten Fenster geworfen sein, um schmerzlichen Erinnerungen beim Ausstieg vor zu beugen: Aus den Augen, aus dem Sinn.

An den Suhrkamp

Hallo liebe Leute von dem Suhrkamp Verlag,

Mein Name ist Inge Rohmann. Ich bin 37 Jahre alt und heute schicke ich euch meinen neuesten Kurzroman schicken tun. Er handelt von etwas, worüber ich jetzt gerade noch nichts sagen kann, weil ja sonst die ganze Spannung weg ist.

Viel Spass beim Lesen!

Jan und Sibylle

Sibylle hat sich in meinen Sohn, den Jan, unsterblich verliebt. Und weil er sie auch so gern hat, hat er ihr einen Antrag gemacht.

Weil aber die Sibylle, genau wie mein Sohn, der Jan, noch nicht mal 18 sind, hat sie abgelehnt und gesagt: Sagt sie: “Jan!” Und dann sagt sie weiter: Sagt sie: “Wir sind ja noch nicht mal 18! Wie sollen wir denn da heiraten tun?”

Und da weiß der Jan, mein Sohn, auch keine Antwort drauf.

Also hat er mit der Sibylle ihrem Handy bei seinem Vater seinem besten Kumpel, dem Max, angerufen und den gefragt. Der lachte nur und sagte, dass er noch nie eine so dämliche Frage beantworten musste. Und dann hat er einfach aufgelegt, ohne zu erklären, was er meint.

Mein Sohn, der Jan, glaubte dann, er müsse den Max nochmal anrufen und genauer fragen. Er glaubte, Max hätte nur aus Versehen aufgelegt.

Doch der Max lachte beim zweiten Telefonat noch mehr und sagte schon gar nichts mehr, sonder lachte und lachte und lachte.

Da wurde es dem Jan, meinem Sohn, zu bunt und er schrie: “Max! Du bist böse!” Und dann legte er – zufrieden mit seiner schlagfertigen Antwort – auf. Als ihn Sibylle aber fragend anschaute, merkte er, dass etwas nicht stimmte.

Ach ja! Er war jetzt kein bisschen schlauer als vor dem Telefonat.

“Schwesterherz! Wir müssen uns etwas anderes überlegen. Keiner will uns helfen!”

Ähm, halt. Irgendwie läuft das aus dem Ruder, lieber Suhrkamp-Verlag. Ich versuch’s nochmal. So geht das ja nicht (kopfschüttel). Oder halt, besser. Ich versuch’s mit was ganz anderem. Die Leute stehen ja immer auf Krimis. Also will ich mal einen Krimi erzählen tun. Hoffentlich wird der spannend.

Ach übrigens: Wenn ich dann berühmt bin, dann will ich einen eigenen Preis haben. Allerdings nicht den Inge-Preis, das klingt nicht so gut. Extra für so einen Preis lege ich mir ein Pseudonym zu. Mein Pseudonym wird sein: Pseudo Num. Das ist furchtbar wortwitzig und trotzdem irgendwie originell!

Der Preis heißt dann entsprechend: “Pseudo-Num-Preis”!

Jetzt aber der Krimi.

Oh je, Josefine

Josefine saß auf dem Thomas seinen Kopf und weinte. Sie hatte ihrer Tochter ihren Peiniger fast umgebracht. Erst hatte sie ihm mit der Axt in den Rücken gehackt, dann war sie mit der Schere auf seinen Hals losgegangen. Als er dann immer noch nicht sterben wollte, hatte sie ein Kissen genommen, es über seinen Kopf gelegt und sich drauf gesetzt.

Seitdem saß sie also da und weinte vor sich hin.

Plötzlich kam Jessica, der Josefine ihre Tochter, herein. Aus ihrem Blickwinkel konnte sie nur sehen, dass ihre Mutter, die Josefine, auf einem Kissen saß. Der Thomas-Peiniger lag so komisch eingeklemmt zwischen einer Couch und einem Sessel.

Sagt sie: “Warum sitzt du denn nicht auf dem Sessel oder der Couch, sondern so eingequetscht dazwischen, Mutter?”

Und da sagt die Josefine: Sagt sie: “Na weil!”

Auf diese schlagfertige Antwort kann der Josefine ihre Tochter nichts mehr erwidern und gibt sich geschlagen. Also setzt sie sich auf die Couch und schließt erschöpft ihre Augen.

“Hast du den Thomas gesehen, den widerwärtigen Schläger-Thomas?”, fragt Jessica mit eher wenig Interesse.

“Mmglmbg … ghmlgrmbl …” kommt aus Richtung der Josefine.

“Sag mal, Mama, alles in Ordnung mit dir? Hast du deine Pillen für heute genommen?”

“Ja, doch, Kindchen”, sagt die Josefine, “Ich nehme immer meine Pillen” Dann fällt ihr aber auf, dass es schlauer wäre, das Gemurmel von der Jessica ihrem Peiniger zu erklären.

“Aber weißt du, mein Kind, manchmal helfen die Pillen nicht ganz. Dann kommt da halt immer noch was nach”

“Ach so”

Josefine laufen schon ein paar Schweißperlen über die Stirn, weil die Situation so anstrengend ist. Fieberhaft überlegt sie, wie sie aus der ganzen Sache heraus kommt. Sie weiß ja, dass sie ihrer Jessica nicht verraten darf, was passiert ist, weil sie den Peiniger-Thomas, auch wenn der total böse ist, trotzdem ganz viel lieb hat.

Gerade, als ihr fast eine Idee kommt, schaut der Herr Kommissar herein. Der sagt: Sagt er: “Ich stand gerade vor diesem Haus hier und dachte, ich komme einfach mal herein!”

“Das ist ja ein Zufall, Herr Kommissar, dass sie gerade vor unserem schönen Haus … und so”

“Soll ich wieder gehen? Ich mein, sie haben mich ja nicht gebeten, hier herein zu kommen. Ihre offene Tür ist nur so einladend”

“Ja, das kann ich verstehen”, erwidert Josefine mit bemühtem Lächeln.

“Ich hab gehört, Josefine, dass Sie eine großartige Kurzroman-Autorin sind?”

“Ja, das stimmt. Stand erst gestern in der Zeitung”

“Soso. Und haben Sie gerade was zu Lesen für mich da?”

“Äh, gerade ist schlecht. Ist alles vergeben, verborgt und so”

“Oh, das ist aber schade. Vielleicht ja ein anderes Mal”

“Sicher, … sicher. Wenn Sie dann aber vielleicht doch wieder gehen wollen? Ich würde gern etwas Zeit mit der Jessica, meiner Tochter verbringen. Wir sehen uns so selten”

Da hakt der Josefine ihre Tochter, die Jessica, ein: Sagt sie: “Das stimmt doch gar nicht! Ich bin fast jeden Tag hier!” Bei dieser Erwiderung zerfällt der Josefine ihr Grinsen. Der Kommissar wittert, dass etwas nicht stimmt.

“Sagen Sie, Josefine, warum sitzen sie eigentlich so ungemütlich zwischen Couch und Sessel? Da ist doch Platz genug!”

“Tja, Herr Kommissar. Das ist Yoga. Ich mache mich frei von den Annehmlichkeiten des Lebens und sitze hier auf meinem Kissen, bis mir der Hintern weh tut. Wenn ich dann wieder auf der Couch sitze, dann weiß ich den Luxus in meinem Leben besser zu schätzen”

Der Komissar wiegt den Kopf hin und her, aber irgendwie gefällt ihm diese seltsame Geschichte.

“Also gut, Josefine. Ich will dann mal”, sagt der und dreht sich zur Tür.

Leider ist ein bisschen Blut auf den Boden vor der Tür gespritzt, was bisher keiner mitbekommen hat, und der Kommissar rutscht unglücklich aus. Mit einem Schrei fällt er um und bricht sich an einem Hocker, der in der Nähe steht, das Genick, so wie Hilary Swank in dem großartigen Film Million Dollar Baby, diesem Film wie wo die eine Boxerin spielt. Jedenfalls sieht es so aus.

Total in Panik springt die Josefine auf und rennt zum Kommissar. Die Jessica bleibt auch nicht cool und öffnet wieder ihre Augen. Blöderweise sieht sie dabei sofort, worauf die Josefine die ganze Zeit gesessen hat und schreit und weint sofort los.

Irgendwie macht das die Josefine gerade total verrückt. Und weil sie die Pillen in Wirklichkeit seit einer Woche nicht mehr genommen hat, dreht sie frei und schlägt ihrer eigenen Tochter ins Gesicht, damit sie Ruhe gibt. Und tatsächlich fällt sie um und bleibt mir einer kleinen, aber immer größer werdenden Blutlache am Kopf liegen.

Der Jessica ihr Peiniger liegt immer noch unter dem Kissen und ist immer noch nicht tot. Also geht sie erstmal in ihr Schlafzimmer und legt sich ein paar Stunden aufs Ohr, damit sie wieder Kraft sammeln kann für das, was da noch kommen tun mag.

Nach vier Stunden wacht sie auf, weil ihr jemand am rechten Bein zieht. Da ist der Thomas-Peiniger. Der ist irgendwie ans Bett gekrochen und will irgendwas.

Aber weil es der Peiniger ist, kann Josefine ihm das nicht durchgehen lassen. Also zieht sie ihn zurück ins Wohnzimmer, wo er vorher lag. Viel wehren kann er sich dabei ja nicht, weil er eben fast tot ist.

Die Blutlache an der Jesscia ihrem Kopf ist leider viel größer geworden. Vielleicht stimmt da was nicht. Also geht die Josefine zur Jessica und tritt ihr gegen das Schienbein.

Da passiert nichts.

Noch einmal tritt sie ihr gegen das Schienbein, aber es tut sich immer noch nichts. Dann wird sie wohl tot sein, denkt sich die Josefine. Dann muss ich sie verschwinden lassen, denkt sie, und den Peiniger-Thomas und den Kommissar, damit niemand sauer wird.

Erst jetzt fällt ihr auf, dass der Kommissar fehlt. Wo ist der denn hin mit seinem gebrochenem Genick? Die Hilary Swank ist doch auch nicht einfach so wieder aufgestanden.

Zu viel mehr Nachdenken kommt sie aber nicht, denn da kommt der Kommissar schon mit Polizisten in den Raum, die nehmen ganz schnell die Josefine fest und schauen sich den Thomas-Peiniger und die Jesscia an.

“Josefine!”, ruft der Kommissar, “Du hast schon wieder deine Pillen nicht genommen, oder!”

“Ja, das muss ich leider zugeben, Herr Kommissar”, gibt die Josefine kleinlaut zu. Schon beim letzten Mal lief alles schief, als sie ihre Pillen nicht genommen hatte.

“Tschuldigung!”

“Das wird ein Nachspiel haben”, sagt der Kommissar und hält sie dabei seinen schmerzenden Hals fest.

Epilog

Sowohl der Thomas-Peiniger als auch die Jesscia wurden ins Krankenhaus gebracht und konnten gerettet werden. Der Kommissar hatte sich gar nicht das Genick gebrochen.

Josefine musste wieder ihre Pillen nehmen und versprach hoch und heilig, dass sie das nicht wieder vergessen wird.

So, das ist also mein Krimi. Ich hoffe, er gefällt euch.

Hoffe auf eure Antwort. Bis denne,

Eure “Pseudo Num”-Inge

Norman: The Design of Everyday Things

Schon 1988 schrieb Donald A. Norman ein Buch über gutes und schlechtes Design: “The Design of everyday things“. Schon bei den einfachsten Dingen kann man ganz grundsätzliche Fehler machen. Das geht von Türen, die einem nicht verraten, ob man sie drücken oder ziehen muss hin zu Computern. Das Buch erreichte mit der Zeit Kultstatus und ist in vieler Hinsicht noch immer aktuell, auch wenn einige Beispiele heutzutage keinen Sinn mehr ergeben. Immer noch gibt es verwirrende Schalter, Türen, Waschbecken etc.

Auch zum Thema Computer hat Norman ein paar Punkte anbringen können. Damals waren schwarze Bildschirme noch die Regel und Textverarbeitungsprogramme gerade erst auf dem Vormarsch (dazu sehr empfehlenswert: Almost Perfect von W. E. Peterson zum Aufstieg und Fall des Textverarbeitungsprogramms WordPerfect). In einer Auflistung schrieb Norman, wie man ein Programm falsch umsetzt (Hervorhebungen von mir). Der Verdacht liegt nahe, dass Norman sich vor allem über Programme wie emacs und vim aufregt:

  • Make things invisible. Widen the Gulf of Execution: Give no hints to the operation expected. Establish a Gulf of Evaluation: give no feedback, no visible results of the action just taken. Exploit the tyranny of the blank screen.
  • Be arbitrary. Computers make this easy. Use nonobvious command names or actions. Use arbitrary mappings between the intended actions and and what must actually done.
  • Be inconsistent: change the rules. Let something be done one way in one mode and another way in another mode. This is especially effective where it is necessary to go back and forth between the two modes.
  • Make operations unintelligible. Use idiosyncratic language or abbreviations. Use uninformative error messages.
  • Be impolite. Treat erroneous actions by the user as breaches of contract. Snarl. Insult. Mumble unintelligible verbiage.
  • Make operations dangerous. Allow a single erroneous action to destroy invaluable work. Make it easy to do disastrous things. But put warnings in the manual; then, when people complain, you can ask: “But didn’t you read the manual?”

Obwohl man vermuten würde, dass Leute aus ihren Fehlern lernen, ist es auch heute noch so, dass gerade neue Dinge nicht unbedingt gleich gut und nutzerfreundlich umgesetzt werden. Aber zumindest in kritischen Bereichen (z.B. Raumfahrt- und Luftfahrt) hat sich in den letzten Jahren viel getan.

Allgemein meint Norman außerdem, man könne nach sieben Prinzipien vorgehen, wenn man etwas entwirft (unabhängig davon, worum es sich handelt):

  • Use both knowledge in the world and in the head.
  • Simplify the structure of tasks.
  • Make things visible: bridge the gulfs of Execution and Evaluation.
  • Get the mappings right.
  • Exploit the power of constraints, both natural and artificial.
  • Design for error.
  • When all else fails, standardize.

Einige der Punkte sind nur schwer zu verstehen, wenn man nichts von Norman gelesen hat. Dennoch sind auch so bereits einige allgemeine Grundprinzipien dabei, die man anwenden kann. So mancher Ingenieur oder Entwickler (mehr) sollte sich ein Buch wie das von Norman durchlesen.

Grillen grillen

In seinem Hirn spukte es seit einigen Monaten. Dank des abgelegenen Häuschens in abgelegener Gegend in einer fast verlassenen Region des Landes, ohne Familie, Freunde und Nachbarn, stieg ihm die Einsamkeit schmerzhaft gelassen zu Kopf.

Eines schönen Sommertages schien es in seinem Kopf fast hörbar zu knacken, dann verließ ihn seine Widerstandskraft gegenüber der stetig auf ihn einstürzenden Naturgeräusche. Das Zirpen der Grillen drang in sein Bewusstsein vor und begann ihn zu betäuben.
Ein alkoholisches Getränk nach dem anderen trinkend versuchte er, sich von dem ohrenbetäubenden Lärm der Grillen abzulenken.

Einige Stunden vergingen. Seine Nervosität stieg zusammen mit seinem Blutdruck in ungeahnte Höhen. Zur Ablenkung sang er ein geistreiches, eigens erfundenes Lied mit dem Titel „Ich will Grillen grillen“. Die erhoffte Ablenkung wollte dennoch nicht eintreten.
Die Nervosität wurde zur inneren Unruhe. Er verriegelte Türen und Fenster, begab sich ins Bett und drückte sich das Kopfkissen energisch auf den Hinterkopf.

Normalerweise konnte er dadurch die Grillen aussperren. Aber diesmal waren sie nicht zu verscheuchen, sie waren noch immer zu hören.
Nach zwei Stunden ohne Ruhe sprang er mit hochrotem Kopf und zusammen gebissenen Zähnen auf, rannte ins Bad und wusch sich ausgiebig das Gesicht, bis er sich etwas beruhigt hatte. Minimal erleichtert legte er sich zurück ins Bett und wartete auf den Schlaf.

Erst erneut nervös, bald verärgert, dann wütend wälzte er sich im Bett und forderte den Schlaf auf, ihn endlich zu holen. Als er nach zwei Stunden einsehen musste, dass er nicht kommen würde, stand er auf und begab sich wieder vor die Tür.
Die Luft war weniger warm; die Nacht lag über dem Land. Kraftlos ließ er sich auf einem Stuhl nieder. Der Schweiß rann ihm nach kurzer Zeit von der Stirn. Er schwitzte am ganzen Körper.

Die Grillen zirpten.

Die Kettensäge, kühles Metall.
Das Auto. Fahrt durch die kühlende Nacht mit offenem Fenster. Wenn nur das Zirpen nicht wäre!
Nächste Siedlung. Nächste Siedlung. Stadt. Größere Stadt. Kein Zirpen, kein Getier.

Ein abgelegenes Haus. Niemand öffnet.

Ein weiteres abgelegenes Haus. „Ich muss mit Ihnen sprechen“ „Nein, das müssen Sie nicht. Gehen Sie“

Ein weiteres abgelegenes Haus. „Ich wollte ihnen etwas sagen“ „Ja?” „Können wir das drinnen besprechen?” „Nein“

Noch ein abgelegenes Haus. „Ich bin dein verschollener Bruder“ „Sind Sie nicht, Sie Idiot!”

Ein weniger abgelegenes Haus. „Hallo. Ich bin von der Kabelfirma. Ihr Kabelanschluss scheint ein Problem zu haben“ „Gut, dass Sie da sind. Ich warte schon den ganzen Tag auf sie“

Er betritt das Haus. Es ist alt und unrenoviert. Der alte Herr, der es bewohnt, lächelt bemüht.

„Wo ist denn ihr Fernseher?”

„Kommen Sie mit, ich zeige es Ihnen“, sagt der alte Mann und führt ihn ins Wohnzimmer.

„Ihr Fernseher? … Hier ist keiner!”

Der Besucher lässt den Blick schweifen. Keine Tapete an den Wänden, eine fleckige Matratze auf dem Boden, ohne Bezug, mit Kissen und Decke, die der fleckigen Matratze in nichts nachstehen. Auf einem klapprigen Stuhl steht ein altes Radio.

„Fernseher? … Mein junger Freund, ich habe keinen Fernseher. Dafür habe ich aber ganz andere, viel interessantere Dinge“, sagt der Alte und nickt dabei verschwörerisch.

„Meinen Sie? Ich glaube, ich sollte wieder gehen. Ich muss mich wohl in der Tür geirrt haben“, entgegnet der Besucher.

„Glauben Sie? Ich denke, es war Schicksal, dass Sie gerade an meiner Tür geklingelt haben“

“… ?”

Damit ist das Gespräch für den Alten vorerst an einen unterbrechbaren Punkt gelangt. Eilig verlässt er das Zimmer, kommt aber nur wenige Sekunden später mit einer Kettensäge in der Hand wieder.

„Schauen Sie, mein junger Freund. Auch ich habe eine Kettensäge!”, rief der Alte aus. Der Besucher zuckte unwillkürlich zusammen. „Und das allerbeste: Man kann sie an einem Knopf anschalten, ganz anders als diese altmodischen Geräte, an denen man herum zerren muss.

Unaufgefordert drückte er den Schalter seiner überproportional großen Kettensäge. Sie sprang ohne Probleme an und machte sofort einen ohrenbetäubenden Krach.

„Ich will Ihnen natürlich nicht vorenthalten, wie diese Säge funktioniert!”, schrie der Alte mit sich überschlagender Stimme. Wie ein kleiner Junge stand er da und fuchtelte mit der Kettensäge herum.

„Machen Sie das Ding aus! Das bringt doch nichts!”, erwiderte der Besucher und umklammerte seine eigene Kettensäge.

„Sie habe gar nichts zu melden, junger Mann. Ihre kleine Kettensäge, die Sie da mit sich führen, ist kaum der Rede wert!”

„Wie Sie meinen!”, schrie der Besucher. „Machen Sie jetzt die Kettensäge aus und lassen Sie mich gehen!”

Der Alte schaltete tatsächlich die Säge aus und machte eine einladende Geste Richtung Tür.

„Aber natürlich. Nach Ihnen.”