Resignation

Er hielt sich an der Laterne fest, krümmte und übergab sich. Es war spät und niemand mehr auf den Straßen unterwegs. Die Laterne gab nur wenig Licht von sich, das Erbrochene auf seiner Hand glitzerte dennoch.

Mühsam schleppte er sich weiter die Straße entlang, stolperte ab und an über Kopfsteinpflastersteine. Im Kopf schwamm eine Brühe unzusammenhängender Gedanken, die sich beim besten Willen nicht zu etwas Brauchbarem verbinden wollten.

Seine Mutter erschien einige Male vor seinem geistigen Auge und erzählte irgendetwas, das er nicht verstand. Manchmal schien sie wütend zu sein. Aber letztlich war es egal, solange er sie nicht verstehen konnte.

Dann dachte er an seine Frau und die Schläge, die in Kürze auf sie niederprasseln würden. Seine Wut auf alles konnte sich in Gewalt und Erniedrigung teilentladen. Ein Lächeln huschte über das von Resignation geprägte Gesicht.

Jennert auf der Spur

1

Obwohl Jennert seinen Kommunikationschip nur selten und mit hoher Verschlüsselung benutzte, kamen sie ihm nach 11 Jahren endlich auf die Schliche. Die jahrelange Auswertung der Kommunikation verschiedener wahrscheinlicher Satelliten machten eine Ortung schließlich möglich.

Jennert hatte etwa einmal im Monat Datenaustausch mit seinen Mitverschwörern betrieben. Durch die Seltenheit der Transfers war die Kommunikation bisher nicht aufgefallen. Man hatte nicht vermutet, dass die Verschwörer eher große Datenmengen in einem kleinen Zeitfenster schicken würden, statt sich oft kurz auszutauschen.

Eine zielgerichtete Suche mit den richtigen Annahmen hatte immer noch ein Jahr in Anspruch genommen, aber zumindest war diese Suche von Erfolg gekrönt. Man suchte nun nach auffälligen Spitzen in den Transfers, auf die wochenlange Pausen folgten.

2

Ein Suchtrupp wurde an die ermittelten Koordinaten geschickt und fand eine asphaltierte Straße aus dem letzten Jahrtausend vor. Sie war zu großen Teilen von der Natur zurückerobert worden und gab sich erst zu erkennen, als der Trupp darauf stand. Vom Gesuchten fehlte jede Spur.

Genau genommen befand sich gar nichts in der unmittelbaren Umgebung, was auf Menschen hinwies. Einige Meter entfernt begann ein Wald, der seit Jahrzehnten nicht mehr von Menschenhand verändert wurde. Umgefallene Bäume und wirres Gestrüpp zeugten davon, dass der Wald sich frei entfalten konnte. Auf der Wiese vor ihm lagen verschiedene Äste und vereinzelt Laub.

Nach einigen Stunden wurde die Suche abgebrochen und die bisherigen Ergebnisse infrage gestellt. An den gefundenen Koordinaten war nichts zu finden. Es gab viel Geschrei, Anschuldigungen und ein paar Entlassungen. Die Zielsuche wurde wiederholt, um Jennerts wirklichen Standort ausfindig zu machen.

3

Nach zwei Monaten akribischer Suche unter Hochdruck wurden erneut Ergbnisse auf den Tisch gelegt. Die neue Suchmannschaft kannte den alten Zielort nicht und wurde so gelenkt, dass sie nicht die selben Fehler wie ihre Vorgänger machen würden. Dennoch blieb letztlich nur der Schluss, dass Team 1 sich keineswegs vertan hatte. Die Asphaltstrecke war definitiv richtig als ein Endpunkt der Verschwörerkommunikation erkannt worden.

Hastig machten sich Suchtrupps auf den Weg, um die Gegend erneut zu untersuchen. Mit dem Wissen, dass auf der ehemaligen Straße etwas zu finden sein musste, suchten die Trupps noch gewissenhafter als zuvor. Nach zwei Tagen ließ sich dennoch nichts finden, was auf einen Sender oder gar Menschen hinwies.

Eine Erklärung fanden sie erst beim Überflug mit einem wissenschaftlich ausgestatteten Hubschrauber, der sonst für die Abtastung von Höhlen genutzt wurde. Der Flug ergab, dass einige Meter unter der Erdoberfläche etwas großes, solides sein musste. Ein Bunker.

Mit größter Vorsicht arbeitete sich ein Bergungstrupp daraufhin zum Bunker vor. Nebenher fanden sie ein Taschenmesser, kleine, verrottete Fahrzeugteile und drei Dosen Ravioli, die offenbar noch essbar waren. Dann stießen sie auf eine Tür.

Die Meldung verbreitete sich in Sekunden bei allen Beteiligten und sorgte für Euphorie. Was auch immer hinter dieser Tür war, würde auf die eine oder andere Weise Aufschluss über Jennert geben können. Selbst wenn er sich nicht im Bunker verschanzt hatte, konnte sein Bunker wichtige Informationen bieten. Mit noch mehr Vorsicht wurde die Tür geöffnet und der Innenraum zum ersten Mal geprüft.

4

Mit großer Enttäuschung wurden die Videoaufnahmen, die live an die Einsatzführung geschickt wurden, zur Kenntnis genommen. Im Raum befand sich auf den ersten Blick nichts. Die feuchten, unansehnlichen Wände des Bunkers ließen keinen Zweifel daran, dass hier seit Monaten kein Mensch untergekommen sein konnte. Dennoch suchten sie den Raum genau ab und nahmen präzise Messungen vor, um zumindest überhaupt Erkenntnisse sammeln zu können.

Der Führungsstab verlor nach einer weiteren Woche ohne nennenswerte Erkenntnisse bei der Erkundung der Gegend und des Bunkers die Geduld und bestimmte, dass noch ein Tag Untersuchungen durchgeführt werden durften, aber danach mit dem Rückzug zu beginnen sei.

Die meisten Männer des Suchtrupps gaben sich innerlich geschlagen und witzelten über die verschwendete Zeit, als etwas Unvorhergesehenes geschah. Während ein Techniker in einer Ecke des Bunkers mit einem unüblichen Funksuchgerät arbeitete, wurde spontan ein kleiner schwarzer, kugelförmiger Gegenstand sichtbar. Bei genauerer Betrachtung stellte sich heraus, dass er von einer Art Sichtschutz vor den Augen der Betrachter geschützt wurde. Das Messgerät des Technikers hatte diesen Schutz durch den Messvorgang offenbar aufgehoben.

Die Einsatzleitung wurde informiert und die euphorische Stimmung von vor Wochen kehrte zurück. Der Techniker wurde angewiesen, mit seinem Messgerät vorsichtig weitere Teile des Raums zu erkunden.

Wie erhofft wurden andere Sichtschutzanlagen überwunden und weitere kugelförmige Gegenstände sichtbar. Nachdem in drei von vier Ecken eine Kugel gefunden wurde, hielt der Techniker inne. Etwas störte ihn.

Die Pause wurde von den Kollegen missbilligt. Es sollte weitergehen. Also überging der Techniker seine Zweifel und prüfte die letzte Ecke des Raums. Während die nächste Kugel sichtbar wurde, fiel dem Techniker ein, was ihm aufgefallen war. Ein leises Summen war an seine Ohren gedrungen, gerade leise genug, um ihm kaum aufzufallen. Mit dem Erscheinen der letzten Kugel wurde das Summen jedoch deutlich lauter und nahm an Intensität zu.

Noch bevor er seinem Unbehagen Ausdruck verleihen konnte, wurde der Bunker von einer Explosion zerrissen. Die Mission war kläglich gescheitert.

Dostojewski: Arme Leute

Der Beamte Makar Alexejewitsch Dewuschkin und die Näherin Warwara Alexejewna Dobrosjolowa haben es wahrlich nicht leicht. Der ältere Beamte, der als eine Art Dokumentkopierer des 19. Jahrhunderts Texte abschreibt, könnte sich mit seiner Arbeit leidlich über Wasser halten, wenn er keine Schwäche für Alkohol und junge Frauen hätte.

Die Näherin hingegen stürzt unvorbereitet und schuldlos in die Armut, flieht vor einer garstigen Verwandten, die ihr kein guter Ersatz für die verstorbenen Eltern sein kann. Ihre unbeschwerte Kindheit wird mit dem Umzug nach St. Petersburg und den finanziellen Problemen des Vaters beendet.

Die eigentliche Geschichte wird indirekt mit Briefen erzählt, in denen sich die beiden auf dem Laufenden halten. Makar umschmeichelt Warwara dabei ständig mit Kosenamen, Umschreibungen und Geschenken.

Warwara lässt es sich ein Weile gefallen, doch nach einiger Zeit spitzt sich die jeweilige Lage drastisch zu. Es wird klar, dass Makar sich finanziell komplett verausgabt hat, um Warwara zu beeindrucken. Sie leidet hingegen an Schwäche und kann ihren Tätigkeiten oft nicht nachgehen. Zwar machen Makars Briefe ihr Leben etwas erträglicher, aber das ändert sich, als sie das wahre Ausmaß Warwaras Probleme bescheid weiß. Letztlich muss sie selbst Geld an Makar schicken, um diesem das Nötigste zu ermöglichen, während sie selbst kaum genug Geld zur Verfügung hat.

Der Konflikt löst sich erst, als Makar Geld von seinem Vorgesetzten zugesteckt bekommt, während Warwara sich unabhängig davon verpflichtet, eine Zweckehe mit einem ungehobelten Gutsbesitzer einzugehen, um überhaupt eine Perspektive zu haben. Sie verlässt mit ihm die Stadt.

Hätte sich Dostojewski allein mit dem Schmücken dieser Handlung beschäftigt, wäre das Buch sicherlich kaum lesenswert. Die Details machen den Unterschied.

Dostojewski porträtiert das Leben bitterarmer Menschen im städtischen Leben Russlands im 19. Jahrhundert. Wer vergessen haben sollte, dass Armut ein hohes Sterblichkeitsrisiko mit sich bringt, wird durch dieses Buch deutlich daran erinnert, dass arm sein damals unglaublich grausam gewesen sein muss.

Der tägliche Überlebenskampf der Figuren lassen verstehen, in welche aussichtslosen Zustände man geraten und wie aussichtslos das Leben werden kann. Wer sich in die Zeit einfühlen möchte und damit leben kann, in erster Linie mit Rückschlägen konfrontiert zu werden, dem ist das Buch zu empfehlen.

Kafka: Amerika oder der Verschollene

Karl Roßmann muss weg aus Deutschland. Trotz seines geringen Alters (17) wird er per Schiff gen Amerika geschickt.

Durch eine glückliche Fügung des Schicksals trifft er noch an Bord auf einen Onkel aus New York, der dort Senator und erfolgreicher Geschäftmann ist. Dieser nimmt ihn bei sich auf und verschafft ihm Englisch- und Reitstunden. Man erahnt: Wenn die Dinge so weitergehen, wird Karl sich kaum Sorgen um seine Zukunft machen müssen.

Ein Hauch von Eigenwilligkeit wird jedoch zum Verhängnis. Karl möchte gegen den Willen des Onkels bei einem Geschäftsfreund übernachten. Der Onkel duldet dies scheinbar erst, macht mit einem nach Mitternacht zu übergebenden Brief deutlich, dass er keinerlei Eigenwilligkeit duldet und nichts mehr mit Karl zu tun haben möchte.

Das erscheint umso tragischer als Karl sich bei dem Geschäftsfreund sehr unwohl fühlt, von dem dunklen Haus und der Tochter wenig begeistert ist und eigentlich nur zurück möchte. Nun muss er dennoch losziehen und sehen, wo er bleibt.

Bald trifft er zwei Männer, Delamarche und Robinson, denen er sich zeitweise anschließt. Karls Mangel an Erfahrung, seine Naivität und Höflichkeit hindern ihn lange daran, das Wesen dieser Männer zu durchschauen. Während sie sich als Gönner in Szene setzen, lassen sie keine Gelegenheit aus, von seinem Geld zu zehren, aus seinem Gepäck zu nehmen und letztlich in seiner Abwesenheit seinen Koffer aufzubrechen.

Letztlich sieht Karl seine Fehleinschätzung ein, setzt sich ab und arbeitet in einem monströsen Hotel als Liftboy. Auch hier ergibt sich die neue Chance durch einen Zufall. Karl trifft im Gewimmel auf die Oberköchin, die unerwartet eine Schwäche für Karl hat und ihm den Job verschafft.

Auch hier entwickelt sich anfangs alles positiv. Karl lässt sich nichts zu Schulden kommen, hilft, wo er kann und nutzt seine freie Zeit zum Lernen. Aber auch diesmal lässt eine Kleinigkeit alle Zuversicht schwinden. Einer der Männer, mit denen Karl sich abgegeben hatte, kommt betrunken ins Hotel, belästigt Karl und trinkt dabei noch weiter bis er sich übergeben muss und nicht mehr in der Lage ist, sich allein zu bewegen.

Karl bringt ihn vorerst in das Schlafzimmer der Liftboys, um ihm Zeit zu geben, sich auszunüchtern. In der Zwischenzeit gilt Karl streng formal gesehen als nicht abgemeldet und übergeht damit die Autorität des Oberportiers. Neben der nichtigen Verstöße, die er durch sein Verhalten begeht, ist es wohl das eigentliche Problem. Karl wird, gegen jede Vernunft, sofort gekündigt und kommt nur mit Not vom Oberportier los, der eine fast sadistische Freude daran hat, Karl kräftig büßen zu lassen.

Daraufhin findet er sich erneut in den Fängen von Delamarche und Robinson wieder, die in einer Wohnung mit einer Opernsängerin wohnen. Es steht zu vermuten, dass Delamarche von ihrem Wohlwollen abhängt und dafür ihre Zahlreichen Launen auffängt. Eine Nacht muss er dort bleiben und flieht schließlich, um in einem Theater in Oklahoma eine Stellung zu bekommen.

Etwa ab dieser Stelle zeigen sich Auflösungserscheinungen in der Geschichte. Zwar zeigt sich wieder ein Silberstreif am Horizont, die abgesicherte Stellung in einem großen Theater, aber das Drumherum von trompetenden Engeln, riesiger Verwaltung und ungenauer Beschreibung der sonstigen Verhältnisse, erwecken den Eindruck, dass Kafka keinen ordentlichen Zugang zur Geschichte finden konnte.

Die Geschichte endet an dieser Stelle unvollendet und man kann nur spekulieren, wie es hätte weitergehen können. Wenn man den Tagebucheinträgen zum Thema trauen kann, so würde zum Schluss wie beim Prozess nur der Tod auf Karl warten.

Wie schon in anderen Werken bemüht sich der Protagonist nach bestem Gewissen darum, es allen möglichst recht zu machen, nur um dabei auf ganzer Linie zu scheitern. Während das in Der Prozess und Das Schloss schon abwegig, aber noch nachvollziehbar erscheint, ist es bei diesem Werk schon fast schmerzhaft ungerecht.

Dementsprechend kann ich nur empfehlen, das Buch dann zu lesen, wenn man gerade in psychisch guter Verfassung ist, um nicht deprimiert zu werden.

Dostojewski: Der Spieler

Ein ruinierter russischer General flieht samt Gefolgschaft vor seinen Schulden nach Roulettenburg1)fiktiv, wohl basierend auf Wiesbaden, um dort auf den Tod einer reichen Erbtante zu warten. Vom Eintreffen dieses Ereignisses hängt auch ein Großteil der Hoffnungen der Mitgereisten ab.

Der General würde gern Mademoiselle Blanche de Cominges2)die eigentlich du-Placet heißt heiraten, braucht aber dafür Geld. Polina Alexandrowna, Stieftochter des Generals, hat mit dem unsympathischen Franzosen Des Grieux zu kämpfen, bei dem der General Schulden hat, wird aber auch von dem Lehrer Alexej Iwanowitsch, aus dessen Sicht die Geschichte geschrieben ist, umgarnt. Neben den Hauptakteuren finden sich auch potentielle Nutznießer ein.

Häufiges Nachfragen per Telegramm gen Heimat provoziert einen unerwarteten, Aufsehen erregenden Auftritt der Erbtante im Kurort. Neben allgemeiner Irritation wird schnell klar, dass der General kein Geld sehen soll. Zudem stürzt sich die Alte selbst in arge Nöte, als sie Roulette zu spielen beginnt. Erst gewinnt sie, nur um dann alles außer ihren Immobilien zu verlieren und geschwächt abzureisen. Der General beginnt derweil, seinen Verstand zu verlieren.

Für Alexej ist die Handlung nur von geringer Bedeutung. Er wäre gern woanders angestellt und bleibt in der Hauptsache wegen Polina, zu der er ein offenes, aber kompliziertes Verhältnis hat. Er eckt oft an, redet gern und viel, wobei man nicht so recht weiß, wieviel davon ernst gemeint ist. Ebendas scheint auch für Polina ein Problem zu sein, denn gerade ihr gegenüber entledigt er sich jedes Selbstwertgefühls und Stolzes, um auf der einen Seite Mord und Selbstmord anzubieten, während er auf der anderen Seite gerne Streiche spielt und Polina mit schroffen und direkten Fragen zur Weißglut bringt.

Sie verhält sich ihm gegenüber allerdings auch wenig aufrichtig und freundlich, erwartet eine dienerhafte Ergebenheit und sinnlose Mutproben3)so zum Beispiel die Aufforderung, einen Baron und seine Frau zu grüßen, was zu einer mittleren diplomatischen Katastrophe führt.

Achtung: Wer das Ende noch nicht kennt oder kennen will, sollte nicht weiterlesen.

Als Alexej klar wird, dass sich Polina dem Franzosen Des Grieux gegenüber wegen der Schulden verpflichtet fühlt, wittert er eine Chance, seine bisherigen Näherungsversuche zu übertrumpfen, gewinnt spontan eine große Summe beim Roulette und will Polina beschenken. Sie sieht in dieser Taktik aber offenbar nur eine andere Form des Kaufs: Entweder »kauft« der Franzose sie durch die gemachten Schulden oder Alexej »kauft« sie durch seine freizügige Spende. So oder so sieht sie sich in der Zwickmühle. In geistiger Umnachtung wirft sie sich ihm für eine Nacht an den Hals, um daraufhin in Panik den neutralen Freund beider, den Engländer und Zuckerfabrikaten Mr. Astley, aufzusuchen.

Aber auch Alexej befindet sich in einer Zwickmühle. Der Gewinn der großen Summe hat ihn innerlich fast verglühen lassen. Schon bei der Rückkehr zu Polina ist er geistig etwas der Realität entrückt und von seinem Gewinn geblendet.

Gerade die Beschreibungen des Glücksspiels und das irrationale Verhalten der Spieler, Zuschauer und Gauner machen das Buch lesenswert. Gerade an den Stellen, an denen Alexej seine Beobachtungen, seine Blackouts und das törichte Verhalten der Erbtante des Generals beschreibt, nimmt der Roman an Fahrt auf.

An dieser Stelle im Buch gibt es einen Bruch, sowohl in der Handlung als auch erzähltechnisch. Für die Figuren geht es eigentlich nur noch bergab und der detailgrad der Erzählung nimmt stark ab4)Die Einträge liegen zeitlich immer weiter auseinander und fassen viel zusammen. Zum Teil wohl lässt sich das vielleicht mit der Entstehung des Textes erklären. Der Spieler wurde in nur 26 Tagen geschrieben5)um genau zu sein: diktiert, und kann daher nur bedingt Tiefe und glaubwürdige Handlung aufweisen.

Nach der besagten Nacht lässt sich Alexej von der Franzosin auf plumpe Art überreden, sie nach Paris zu begleiten6)finde ich nicht sehr schlüssig, um ihr beim Ausgeben seines Geldes zuzuschauen. Da Alexej scheinbar ohnehin nicht viel an dem Geld liegt, lässt er alles ohne Einwände über sich ergehen und hofft nur, dass das Spektakel und der Umgang mit der profilierungssüchtigen Blanche samt umsympathischer pariser Möchtegern-Noblesse schnell ein Ende findet.

Nach ein paar Tagen gesellt sich der General dazu und darf als innerlich gebrochener Mensch7)hat ein schlechtes Gewissen wegen seiner Kinder, die er seit jeher vernachlässigt hat und finanziell nicht unterstützen kann, aber repräsentable Pappfigur Mademoiselle Blanche heiraten und bei passenden Anlässen dekorativ herumstehen.

Alexejs Geld ist mit dem Hochzeitstag komplett ausgegeben und er macht sich daran, sein Spielglück bis auf Weiteres zu testen. Arm wie eine Kirchenmaus verdingt er sich nebenher in mal mehr, mal weniger niedrigen Anstellungen und wirft sein Geld für den ersehnten erneuten Kick, dem ausstehenden Supergewinn, der ihn Glanz und Anerkennung bescheren würde, aus dem Fenster.

Bei einem (scheinbar?) zufälligen Zusammentreffen mit Mister Astley nach einigen Monaten werden zum letzten Mal die Fronten geklärt. Mr. Astley eröffnet Alexej, dass Polina ihn (für ihn unerwartet) noch immer liebt, würde ihn sogar wiedersehen wollen. Astley, der schon früher den richtigen Riecher hatte, glaubt nicht an ein Umdenken bei Alexej, händigt ihm eine kleine Summe zum Verspielen aus8)Er bietet ihm sogar an, 1000 Pfund für ein neues Leben in Russland zu spendieren, wenn er denn das Spielen aufgäbe und geht.

An den letzten Zeilen des Buchs lässt sich bereits erkennen, dass Alexej Polina lange hinter sich gelassen hat und nur noch Mittel und Wege findet, sich im Geist den nächsten Spielzug zu erlauben.

»Morgen, morgen nimmt alles ein Ende!«


Das vorliegende Buch: Der Spieler in der Taschenbuchausgabe mit Nachbemerkung von Michael Wegner, 1. Auflage 2008, aufbau Verlag, ISBN 978-3-7466-6110-0; Preis: 7,95 Euro

Fußnoten   [ + ]

1. fiktiv, wohl basierend auf Wiesbaden
2. die eigentlich du-Placet heißt
3. so zum Beispiel die Aufforderung, einen Baron und seine Frau zu grüßen, was zu einer mittleren diplomatischen Katastrophe führt
4. Die Einträge liegen zeitlich immer weiter auseinander und fassen viel zusammen
5. um genau zu sein: diktiert
6. finde ich nicht sehr schlüssig
7. hat ein schlechtes Gewissen wegen seiner Kinder, die er seit jeher vernachlässigt hat und finanziell nicht unterstützen kann
8. Er bietet ihm sogar an, 1000 Pfund für ein neues Leben in Russland zu spendieren, wenn er denn das Spielen aufgäbe

Im Bunker

»Herr Oberst, ich melde: Etwa drei Viertel aller Menschen sind verstorben! Asien, Europa und Nordamerika sind praktisch entvölkert. Die Behandlung der anderen Kontinente dauert an. Es kann sich nur noch um Stunden handeln, bis wir fertig sind«

Oberst Riemsatz nahm den Soldaten nicht näher zur Kenntnis, rieb sich wie schon vor dem Eintreten des Soldaten das Kinn und schritt gemächlich im Raum auf und ab.

»Wie ist der Zustand der Überlebensräume?«

»Alles wie gehabt, Herr Oberst. Die Probanden erfreuen sich bester Gesundheit und warten gespannt auf das Ende der Mission.

»Mission, … Mission. Welche Mission?«

»Herr Oberst, die Ausrottung der Menschheit bis auf unsere Auserwählten!«, erwiderte der Soldat. Besorgnis machte sich in seinem Gesicht bemerkbar.

»Herr Oberst, Sie müssen sich doch erinnern?«

»An was?«

»An Ihr Vorhaben! Sie haben jahrzehntelang geplant und sich Gedanken über das Vorankommen der Menschen gemacht. Endlich sind wir bereit für einen Neuanfang. In wenigen Stunden ist die Seuche Mensch, dieses niedere, undankbare, wertlose Wesen Geschichte und unsere Probanden werden einen kompletten Neuanfang wagen, die Erde neu bevölkern und Nachwuchs schaffen!«

» … Habe ich das wirklich so angeordnet? Ist das wirklich das, was ich wollte?«, murmelte der Oberst.

»Ich verstehe Ihre Zweifel nicht, Herr Oberst. Oder, doch. Ich verstehe schon. Ihr Alzheimer nimmt Ihnen die Sicht. Sie sollten die Dinge lieber anderen überlassen. Die Angelegenheit ist zu wichtig, um sie gegen die Wand laufen zu lassen!«

Der Oberst bemerkte, dass der Soldat im Begriff war, sich mit der Nutzung seiner Waffe anzufreunden. Immer wieder strich er mit der Hand über seine Pistolenhalfter. In Kürze würde er sie wohl als Druckmittel benutzen wollen.

Der Oberst murmelte nun weiter vor sich hin, bewegte sich dabei aber langsam auf ein Schaltpult zu.

»Soldat, wie kommt es, dass mir das ganze Vorhaben so fremd erscheint, so als hätte es nichts mit mir zu tun?«

»Ich sagte doch, Herr Oberst, Ihr Alzheimer wird wohl schuld sein. Sie sollten sich hinlegen und neue Kraft schöpfen. Ich bin sicher, Sie werden sich bald wieder an alles erinnern«

»So, meinen Sie«, meinte Riemsatz und drückte unauffällig einen Knopf an dem Schaltpult, vor dem er nun stand. Augenblicklich ging ein Alarm los, Leute stürzten in den Raum und rannten zu den Monitoren.

Einer rief: »Jemand hat die Sauerstoff-Zufuhr für die Probanden abgeschaltet! … Ich kann sie nicht wieder anstellen!«

Dem Soldaten wurde schnell klar, wer verantwortlich dafür war. Eilig und mit zornesrotem Gesicht marschierte er auf den Oberst zu und schlug ihm in den Magen.

»Machen Sie das rückgängig! Sofort!«, brüllte er, zog seine Pistole und richtete sie an den Kopf des Oberst.

»Wenn Sie mich umbringen«, erwiderte Riemsatz unbewegt, »kann Ihnen auch keiner mehr helfen«

»Egal, egal! Jetzt sehen Sie zu! Den Menschen geht es schlecht! Wir dürfen das Ganze nicht so enden lassen! … Wollen Sie denn die gesamte Menschheit auf dem Gewissen haben!«

»Nun drücken Sie schon ab, Soldat«, erwiderte Riemsatz kühl.

Der Soldat wand sich, schwitzte und zitterte. Auf den Monitoren vor ihm starben die Probanden einen qualvollen Tod. Außerhalb der Bunkeranlagen starb die restliche Menschheit einen ebenso qualvollen Tod.

Er drückte ab.

Zufall GmbH

Liebe ehemalige Mitarbeiter, liebe Interessierte Mitbürger,

es dürfte für Sie kein Geheimnis sein, weswegen die heutige Versammlung einberufen wurde. Im Mittelpunkt steht die Schließung unserer traditionsreichen »Zufall GmbH«. Ich möchte mich an dieser Stelle bei allen Mitarbeitern bedanken, die über all die Jahre an den Erfolg der Firma geglaubt haben und für das stetige Wachstum im Bereich unserer Kernkompetenzen gesorgt haben. Vielen Dank nochmal. Ich möchte diese Gelegenheit aber auch nutzen, um ein letztes Mal auf die Geschichte der Zufall GmbH einzugehen, einen Blick zurückwerfen.

Kurz nach dem Ende des zweiten Weltkriegs gegründet, war die Zufall GmbH das Unternehmen eines einzigen Mannes: meines Vaters. Eigentlich hatte die Firma nicht einmal einen Namen. Josef machte es sich zur Aufgabe, Dinge zu erfinden. Ohne sonderliche Spezialisierung erfand er Geräte und Arbeitsprozesse, die zu jener Zeit dringend gebraucht wurden. Ich erspare Ihnen die allseits bekannten Innovationen. Sie sind Ihnen sicherlich nur zu bekannt.

In den Siebzigern hatte Josef das Unternehmen soweit ausgebaut, dass nun 30 Angestellte mit innovativen Ideen und Prozessen zum Weiterkommen des Unternehmens beisteuern konnten. »Consulting« – dieses Wort gab es damals noch gar nicht – wurde zu einer unserer Basiskompetenzen. Während sich eine Hälfte der Belegschaft mit weiteren Erfindungen und Prozessen beschäftigte, ging die andere Hälfte hinein in die Betriebe und Dienstleister, um dort Fachwissen und Expertise zu vermitteln. Auf diesem geräumigen Pfad entwickelte sich die Firma außerordentlich gut und konnte im letzten Jahr 330 Mitarbeiter beschäftigen.

Wie mir Josef im Vertrauen schon vor einigen Jahren mitteilte, ist die Firma in einer Richtung sehr stark eingeengt; künstlich eingeengt. Er hat dafür gesorgt, dass alle Prozesse und Erfindungen durch ihn abgesichert sind. Das bedeutet: Alle wichtigen Dokumente, Finanzzugriffe und Geräte sind auf bestimmte Weise geschützt und nur mit seiner Authorisierung einsehbar. Bisher hat er diesen speziellen Prozess äußerst subtil betreiben können, ohne damit nennenswerte Einschränkungen für Mitarbeiter oder Kunden zu verursachen. Damit ist es jedoch seit wenigen Wochen vorbei.

Josef ist vor wenigen Wochen gestorben. Noch am Tag vor seinem plötzlichen und unerwarteten Tod lud er mich im Vertrauen zu einem höchst dringenden und wichtigen Termin ein, den er durch seinen Tod nicht mehr wahrnehmen konnte.

Wie ich am nächsten Tag feststellen musste, sind alle Zugänge zu Josefs und unserem Wissen perfekt abgeschottet. Es ist mir ein Rätsel, wie die ganze Zeit entgehen konnte, wie Josef sich für seinen Todesfall abgesichert hat. Nun ist es leider zu spät und die Untersuchungen der besten Spezialisten, die man für Geld engagieren kann, hat in den letzten Wochen keinerlei Möglichkeiten ergeben, wieder an die Daten zu gelangen. Der einzige Weg, den ich momentan noch sehe, ist ein Zufallsfund, eine vielleicht absurde Idee; irgendetwas Abwegiges.

Ja, Sie haben richtig gehört: Wenn Ihnen zufällig etwas einfällt, womit wir Josefs Strategie aufspüren und umgehen können, lassen Sie es mich wissen. Der Erbringer einer Lösung wird finanziell sehr wohlwollend entlohnt.

Bis jedoch eine Lösung gefunden ist, bleibt mir nichts anderes übrig, als die Firma – vorerst – zu schließen. Für weitere Informationen kommen Sie bitte im Anschluss zu mir. Und bitte verlieren Sie nicht die Hoffnung! Noch kann sich alles zum Guten wenden!

Ich danke Ihnen.

Die Brauns: Unheimliche Erscheinungsformen auf Omega XI

Eigentlich so ein Buch, dass ich freiwillig nicht anfassen würde. Ich weiß gar nicht, wie ich dazu gekommen bin, es mir zu bestellen.

Eines Tages war es da, dieses pinke Buch von Johanna und Günter Braun1)Die beiden sind 2008 kurz nacheinander gestorben, dessen Aufmachung und Titel ganz laut Science-Fiction schreit. Zum Glück steht ausreichend gut lesbar ebenso dabei: utopischer Roman.

Die Handlung ist nicht wirklich wichtig. Die Charaktere werden auch nicht in tiefe Sinnkrisen geworfen, im All ernsthaft seltsamen Phänomenen ausgesetzt oder sonstwie so bestraft wie man es aus dem üblichen Science-Fiction-Roman mit düsteren Aussichten2)Lems Solaris, schüttel kennt.

Inhalt

Elektra Eulenn, die ultrakorrekte, aber nicht emotionslose Raumfahrt-Chefin und der kreativ-unorthodoxe Merkur Erdensohn machen sich nach einem Funkspruch von Omega XI auf zur Beobachtung der Verhältnisse. Die dort lebenden Lumen ließen in Form von einem gewissen Sonnenblume Funksprüche an die Erde ab, in denen von den titelgebenden Erscheinungsformen die Rede ist. Auf der Erde ist man scheinbar verunsichert, was die einstmals von der Erde verbannten so treiben.

Anfangs scheint alles schnell geklärt. Auf Omega XI wird das Leben unerträglich, weil Modderwinde vom eigenen Abfall stundenlang jede Möglichkeit für einen natürlichen Aufenthalt an der Luft ausschließen.

Die zuerst vorgefundenen Bewohner leben in einer Maximal-Wegwerf-Gesellschaft. Was benutzt wurde, wird entfernt und ersetzt — jeden Tag. »Schuld« an dieser Misere haben letztlich angeblich sehr arbeutsame Fehlzüchtungen von Menschen, hühenhafte Arbeitstiere, die genetisch so veranlagt sind, dass sie nur wenige Stunden ohne Arbeit überleben können.

Diese Wesen, Roburen genannt, werden von den hochschlauen Prudenten angeleitet. Auch die Prudenten sind genetische Züchtungen, etwas schmal, klein und mit großen Köpfen.

Hinweis: Ab hier wird (zu) viel verraten.


Der Herr Erdensohn kommt auf die rettende Idee, die Riesen statt der Arbeit auch für ein paar Stunden am Tag spielen zu lassen. Dadurch nimmt der Modderwind wieder ab und alle könnten weitermachen wie bisher.

Die herrschende Klasse der Menschen auf Omega XI ist aber leider ein bisschen asozial und würde gern trotzdem auf, davon und alles auf Omega XI vor die Hunde gehen lassen. Die Lumen haben die Prudenten durch das mysteriöse Vitamin P in der Hand, das von den Lumen an einem geheimen Ort aus Algen extrahiert wird und für die Lebenserhaltung der Prudenten nötig ist.

Elektra und Erdensohn kombinieren jedoch ihre Fähigkeiten und können Schlimmes verhindern.

Die Message

Die eben beschriebene Handlung ist eigentlich nur Stütze für eine Sammlung von verschiedenen Themen und jede Menge unbarmherzig offenherzigen Humor in zum Teil witzigen Dialogen. In erster Linie geht es um die Beziehung zwischen Merkur und Elektra, das Auskommen miteinander in einer Situation, in der man sich schlecht aus dem Weg gehen kann. Und auch allgemeinere Dinge wie die Entwicklung des Menschen wird in Form der fehlgeleiteten Lumen dargestellt.

Wenn man bedenkt, dass das Buch aus den Siebzigern stammt, kann man schon über den aktuellen Bezug staunen. Das Thema Wegwerfgesellschaft ist aktuell wie nie3)Beispiel: erhebliche Teile aller produzierten Lebensmittel werden ungebraucht weggeworfen, während andere sich nicht einmal mehr Essen leisten können., die Frage nach Quasi-Sklaverei stellt sich auch immer wieder, derzeit zum Beispiel bei den politischen Prozessen in Nordafrika.

Fazit

Trotzdem ist das Buch nicht säuerlich, anmaßend oder bedrückend. Die meisten Aspekte werden wie im Vorbeigehen angesprochen und nicht zu sehr vertieft. Daher liest sich das Buch angenehm und flüssig. Für Hardliner-Fantasy- oder Science-Fiction-Leser ist das Buch möglicherweise nicht geeignet, ansonsten aber gerade für jeden zu empfehlen, die mit Weltallsettings noch nicht sehr vertraut sind, aber nicht gleich von den Klassikern erschlagen werden möchten.

Fußnoten   [ + ]

1. Die beiden sind 2008 kurz nacheinander gestorben
2. Lems Solaris, schüttel
3. Beispiel: erhebliche Teile aller produzierten Lebensmittel werden ungebraucht weggeworfen, während andere sich nicht einmal mehr Essen leisten können.

Kafka: Das Schloss

Nicht überall wird man mit offenen Armen empfangen, selbst wenn man eingeladen wurde. Diese Erfahrung muss der Landvermesser K. machen, als er aus beruflichen Gründen ein Dorf in der Nähe eines Schlosses aufsucht.

Inhalt

Eigentlich will er Land vermessen, aber tatsächlich ist er aus nicht ganz klärbaren Gründen herbeordert worden, obwohl offenkundig kein Landvermesser gebraucht wird1)und manch einer vermutet, dass K. gar kein Landvermesser ist …. Es ist bereits alles vermessen. Aus ebenso wenig nachvollziehbaren Gründen möchte K. jedoch im Ort bleiben; anfangs, um bei hartem Winter nicht wieder so einfach heimkehren zu müssen, schnell aber mehr, um den Verwaltungsapparat »Schloss« zu begreifen, der sich dem logischen Menschenverstand zu verschließen scheint.

Das Schloss und seine Bewohner leben in einer Parallelwelt, die von der Welt der Dörfler strikt getrennt ist. Jedes Zusammentreffen, jede wie auch immer geartete Berührung körperlicher oder schriftlicher Art ist ein schier nicht interpretierbarer, unverständlicher Vorgang für den Außenstehenden.

Man weiß die meiste Zeit nicht: Sind die Menschen im Dorf nur besonders abergläubisch und interpretieren in das Schloss und dessen Vertreter abwegige Phantasien, die sich im Laufe von Jahrzehnten oder Jahrhunderten gebildet haben, oder sind die Herren aus dem Schloss tatsächlich die Übermenschen, als die sie von so manchen Dorfbewohner dargestellt werden. Bestes Beispiel ist der Beamte »Klamm«, der allen Dorfbewohnern ein Begriff ist und unerreichbar erscheint …

In den folgenden Tagen lernt K. die Bewohner des Ortes und deren Ansichten zum Schloss kennen und will dem Mythos näherkommen. Wobei: »kennen« trifft es nicht. Obwohl K. systematisch und zielgerichtet vorgeht, praktisch die Zwiebel von außen nach innen zu pellen versucht, findet er hinter jeder Schicht neuer Erkenntnisse nur eine weitere, rätselhaftere, unverständlichere Schicht. Er kommt dem Schloss nicht näher, er findet keinen Kontakt zu den Beamten dort. Im Ganzen kommt er dem Verständnis der Vorgänge nicht wesentlich näher.

Unschönerweise muss K., nachdem seine Nutzlosigkeit für die Gemeinschaft fast schon von Beginn feststeht, Möglichkeiten finden, seinen Status zum Besseren zu wenden und sich mit dem Schloss gut zu stellen. Zu diesem Zweck behelligt er jeden, der sich behelligen lässt2)abgesehen von seinen nutzlosen Gehilfen, deren Rolle sehr ambivalent erscheint: einerseits anhänglich und hilfbereit, andererseits hinterlistig und vielleicht böswillig; man weiß es nicht.

Besonders merkwürdig mutet das dabei entstehende »Verhältnis« zu einem jungen Mädel namens Frieda an. Ohne, dass beide nennenswert verliebt ineinander scheinen, verspricht sich wohl jeder etwas von der Beziehung mit dem Partner: Frieda will wohl ihre Exklusivität mit dem »Fremdenbonus« erhöhen, K. möchte gern Zutritt zur Dorfgemeinschaft, die ihm als Sprungbrett zum Schloss dienen soll.

Alles wird aber nur schlimmer. Durch seine Aufklärung suchende »Sturheit« (dem Benutzen seines gesunden Menschenverstands), die nirgendwo auf Widerhall trifft, wird seine Situation immer auswegloser, er »verscherzt« es sich mit immer mehr Leuten und verletzt ungeschriebene (und nicht selten unsinnig erscheinende) Regeln. Am Ende ist nichts Nennenswertes erreicht.

Gedanken

Das Ende des Buchs finde ich – auch nach längerem Nachdenken – nicht besonders befriedigend. Der erste Eindruck war: »Wie! Vorbei? Wo ist das Ende?« Eigentlich hätte man erwartet, dass das Buch wie schon »Der Prozess« mit dem Tod der Hauptfigur endet.

Eben noch erzählt das Mädel, das Friedas Posten zeitweise übernehmen durfte, von den Intrigen, die K. wohl übersehen habe (und die er gerne abstreitet), dann wird in Aussicht gestellt, dass K. in Zukunft bei den wenig geachteten Zimmermädchen unterkommen darf und vielleicht das ein- oder andere Mal einer Wirtin bei der Wahl ihrer Kleidung helfen darf. Dann ist abrupt das Ende erreicht. Verstoßen ist er nicht, angekommen aber wohl auch nicht3)Man kann berechtigterweise einwenden, dass Kafka das Buch nicht beenden konnte und sich daraus das seltsame Ende ergibt. Das erklärt sicher einiges, bringt dem Leser effektiv aber wenig..

Im Vergleich zu »Der Prozess«4)bisher noch nicht hier vorgestellt fehlt der große Bogen und eine nennenswert voranschreitende Handlung. Ich hatte bei all den Besuchen und Forschungen des K. wenig den Eindruck, dass auch nur eine Chance auf Besserung bestand, sodass mir das Buch gegen Ende ermüdend erschien5)so ermüdend wie Kafka zu diesem Zeitpunkt das Leben erschien?.

Gerade dieser Aspekt ist einer, der mir besonders hängen geblieben ist. Die Menschen des Dorfes reagieren zumeist ablehnend, intransparent und unwahrhaftig (im Sinne von K.). Es gibt gefühlt keinen Platz für echte Nähe. K. wird im Dorf nicht gebraucht und ist letztlich nur sinnlos eindringender Störenfried.

Vielleicht gerade wegen der Aussichtslosigkeiten ist es nicht schlecht geeignet, im Winter bei Schnee und Glätte gelesen zu werden. Man verfolgt die traurigen Anstrengungen des K., denkt an die eigenen traurigen Anstrengungen beim Fahren bei Glatteis, und kann sich doch ein wenig darüber freuen, dass es einem nicht so schlecht ergeht wie K.

Fußnoten   [ + ]

1. und manch einer vermutet, dass K. gar kein Landvermesser ist …
2. abgesehen von seinen nutzlosen Gehilfen, deren Rolle sehr ambivalent erscheint: einerseits anhänglich und hilfbereit, andererseits hinterlistig und vielleicht böswillig; man weiß es nicht
3. Man kann berechtigterweise einwenden, dass Kafka das Buch nicht beenden konnte und sich daraus das seltsame Ende ergibt. Das erklärt sicher einiges, bringt dem Leser effektiv aber wenig.
4. bisher noch nicht hier vorgestellt
5. so ermüdend wie Kafka zu diesem Zeitpunkt das Leben erschien?

Keijins Geschichte, Teil 3: Verraten

Im Königreich Hajumi herrschte in einigen Teilen Unruhe. Bauern verweigerten Abgaben an den König und kündigten Widerstand an.

Dies würde als letzte Probe des als grausam geltenden Keijin, Sohn des erfolgreichen Feldherrn Kanojin, gezählt werden. Nach Bestehen der Probe standen Gold und Anspruch auf hohe Ämter für alle Beteiligten in Aussicht. Der Aufstand musste um jeden Preis niedergeschlagen werden. …

Auf seinem ersten Feldzug bezwang Keijin zwanzig Dörfer, tötete mit seinen Soldaten etwa 700 Zivilisten, ließ 30 strategische Vergewaltigungen durchführen, wenigstens die Hälfte aller Häuser niederbrennen und legte großen Wert darauf, aus Familien der Überlebenden einzelne Männer und Frauen in Gefangenschaft zu nehmen, um die ohnehin angeschlagene Moral seiner Landsleute weiter zu schwächen. Keijins Vater war mit dem Vorgehen zufrieden und stachelte Keijin an, seinen Feldzug gegen das aufmüpfige Volk fortzuführen. Keijin, ein Mann von 23 Jahren, war seinem Vater hörig und ging erneut in die Schlacht.

Auf seinem zweiten Feldzug bezwang er dreißig weitere Dörfer, tötete etwa 100 Zivilisten, brannte mindestens drei Viertel aller Häuser nieder, verödete die Äcker, ließ alle überlebenden Frauen und Kinder gefangen nehmen und vergiftete die nahe gelegenen Flüsse.

Kanojin war erneut sehr zufrieden mit seinem Sohn und sprach: »Wenn du weiter so tapfer die Ehre unserer Familie vertrittst, wirst du in Kürze zum Prinzen des Landes aufsteigen. Alle werden dich und deine Methoden fürchten, keiner wird sich dir in den Weg stellen!«

Ein drittes Mal musste Keijin gegen seine Landsleute kämpfen, um zu Ruhm und Ehre zu kommen. Mit einem unerklärlichen Unbehagen machte er sich auf zur entscheidenden Schlacht.

Nachdem er und seine Soldaten 25 weitere Dörfer in Schutt und Asche gelegt, dabei alles Lebendige erschlagen, Flüsse vergiftet und Äcker verödet hatten, schien die Arbeit getan, als sich Keijin ein militanter Haufen Aufständischer in den Weg stellte und ihn zur Rede stellte: »Wer bist du Keijin, dass du hunderte Leben zerstörst, Flüsse vergiftest und Äcker unfruchtbar machst? Wer gibt dir das Recht, diese Welt so zu formen, wie es dir passt?«

Keijin saß nachdenklich auf seinem Pferd und rieb sich das blutverschmierte Kinn. Statt einer Antwort nutzte Keijins oberster Vertrauter die ihm peinlich erscheinende Situation, um sein neues Schwert, das er sich dank der guten Bezahlung nach dem letzten Feldzug leisten konnte, zu ziehen, und die Fragesteller zum Schweigen zu bringen. Keijin schien keine Notiz vom Geschehen zu nehmen.

Als der Trupp jedoch im nächsten Dorf ankam, konnte Keijin sein Schwert nicht mehr gegen seine Landsleute erheben. Ohne den Grund dafür zu kennen, versagte ihm die Schwerthand, wollte nicht nach dem Schwert greifen, nicht wie gewohnt Körper, Gliedmaßen und Gesichter teilen.

Stattdessen stand Keijin etwas abseits und schaute mit stumpfem Blick dem Treiben zu, den um Gnade flehenden Männern, Frauen und Kindern; betrachtete die brennnenden Häuser und Felder und seine Untergebenen, die tonlos über die Wehrlosen herfielen. Nach einigen Stunden war das Dorf zerstört, komplett abgebrannt und vernichtet. Der oberste Untergebene erstattete dem immer noch wie erstarrt am Rande stehenden Keijin Bericht und mahnte zur baldigen Weiterreise.

Keijin begann nun tatsächlich, sein Pferd in Bewegung zu versetzen, ritt jedoch in die falsche Richtung. Anstatt zum nächsten Dorf zu eilen, ritt er einige Kilometer den Fluss entlang, bis seine Kameraden nicht mehr zu sehen waren. Dann stieg er vom Pferd und ertränkte sich wortlos im vergifteten Fluss.