Grillen grillen

In seinem Hirn spukte es seit einigen Monaten. Dank des abgelegenen Häuschens in abgelegener Gegend in einer fast verlassenen Region des Landes, ohne Familie, Freunde und Nachbarn, stieg ihm die Einsamkeit schmerzhaft gelassen zu Kopf.

Eines schönen Sommertages schien es in seinem Kopf fast hörbar zu knacken, dann verließ ihn seine Widerstandskraft gegenüber der stetig auf ihn einstürzenden Naturgeräusche. Das Zirpen der Grillen drang in sein Bewusstsein vor und begann ihn zu betäuben.
Ein alkoholisches Getränk nach dem anderen trinkend versuchte er, sich von dem ohrenbetäubenden Lärm der Grillen abzulenken.

Einige Stunden vergingen. Seine Nervosität stieg zusammen mit seinem Blutdruck in ungeahnte Höhen. Zur Ablenkung sang er ein geistreiches, eigens erfundenes Lied mit dem Titel „Ich will Grillen grillen“. Die erhoffte Ablenkung wollte dennoch nicht eintreten.
Die Nervosität wurde zur inneren Unruhe. Er verriegelte Türen und Fenster, begab sich ins Bett und drückte sich das Kopfkissen energisch auf den Hinterkopf.

Normalerweise konnte er dadurch die Grillen aussperren. Aber diesmal waren sie nicht zu verscheuchen, sie waren noch immer zu hören.
Nach zwei Stunden ohne Ruhe sprang er mit hochrotem Kopf und zusammen gebissenen Zähnen auf, rannte ins Bad und wusch sich ausgiebig das Gesicht, bis er sich etwas beruhigt hatte. Minimal erleichtert legte er sich zurück ins Bett und wartete auf den Schlaf.

Erst erneut nervös, bald verärgert, dann wütend wälzte er sich im Bett und forderte den Schlaf auf, ihn endlich zu holen. Als er nach zwei Stunden einsehen musste, dass er nicht kommen würde, stand er auf und begab sich wieder vor die Tür.
Die Luft war weniger warm; die Nacht lag über dem Land. Kraftlos ließ er sich auf einem Stuhl nieder. Der Schweiß rann ihm nach kurzer Zeit von der Stirn. Er schwitzte am ganzen Körper.

Die Grillen zirpten.

Die Kettensäge, kühles Metall.
Das Auto. Fahrt durch die kühlende Nacht mit offenem Fenster. Wenn nur das Zirpen nicht wäre!
Nächste Siedlung. Nächste Siedlung. Stadt. Größere Stadt. Kein Zirpen, kein Getier.

Ein abgelegenes Haus. Niemand öffnet.

Ein weiteres abgelegenes Haus. „Ich muss mit Ihnen sprechen“ „Nein, das müssen Sie nicht. Gehen Sie“

Ein weiteres abgelegenes Haus. „Ich wollte ihnen etwas sagen“ „Ja?” „Können wir das drinnen besprechen?” „Nein“

Noch ein abgelegenes Haus. „Ich bin dein verschollener Bruder“ „Sind Sie nicht, Sie Idiot!”

Ein weniger abgelegenes Haus. „Hallo. Ich bin von der Kabelfirma. Ihr Kabelanschluss scheint ein Problem zu haben“ „Gut, dass Sie da sind. Ich warte schon den ganzen Tag auf sie“

Er betritt das Haus. Es ist alt und unrenoviert. Der alte Herr, der es bewohnt, lächelt bemüht.

„Wo ist denn ihr Fernseher?”

„Kommen Sie mit, ich zeige es Ihnen“, sagt der alte Mann und führt ihn ins Wohnzimmer.

„Ihr Fernseher? … Hier ist keiner!”

Der Besucher lässt den Blick schweifen. Keine Tapete an den Wänden, eine fleckige Matratze auf dem Boden, ohne Bezug, mit Kissen und Decke, die der fleckigen Matratze in nichts nachstehen. Auf einem klapprigen Stuhl steht ein altes Radio.

„Fernseher? … Mein junger Freund, ich habe keinen Fernseher. Dafür habe ich aber ganz andere, viel interessantere Dinge“, sagt der Alte und nickt dabei verschwörerisch.

„Meinen Sie? Ich glaube, ich sollte wieder gehen. Ich muss mich wohl in der Tür geirrt haben“, entgegnet der Besucher.

„Glauben Sie? Ich denke, es war Schicksal, dass Sie gerade an meiner Tür geklingelt haben“

“… ?”

Damit ist das Gespräch für den Alten vorerst an einen unterbrechbaren Punkt gelangt. Eilig verlässt er das Zimmer, kommt aber nur wenige Sekunden später mit einer Kettensäge in der Hand wieder.

„Schauen Sie, mein junger Freund. Auch ich habe eine Kettensäge!”, rief der Alte aus. Der Besucher zuckte unwillkürlich zusammen. „Und das allerbeste: Man kann sie an einem Knopf anschalten, ganz anders als diese altmodischen Geräte, an denen man herum zerren muss.

Unaufgefordert drückte er den Schalter seiner überproportional großen Kettensäge. Sie sprang ohne Probleme an und machte sofort einen ohrenbetäubenden Krach.

„Ich will Ihnen natürlich nicht vorenthalten, wie diese Säge funktioniert!”, schrie der Alte mit sich überschlagender Stimme. Wie ein kleiner Junge stand er da und fuchtelte mit der Kettensäge herum.

„Machen Sie das Ding aus! Das bringt doch nichts!”, erwiderte der Besucher und umklammerte seine eigene Kettensäge.

„Sie habe gar nichts zu melden, junger Mann. Ihre kleine Kettensäge, die Sie da mit sich führen, ist kaum der Rede wert!”

„Wie Sie meinen!”, schrie der Besucher. „Machen Sie jetzt die Kettensäge aus und lassen Sie mich gehen!”

Der Alte schaltete tatsächlich die Säge aus und machte eine einladende Geste Richtung Tür.

„Aber natürlich. Nach Ihnen.”