Relativ Alanis

Ich glaube nicht an den Zorn, sagt mir Gott immer, wenn ich ihn frage, ob sich eine Wette auf den atomaren Untergang der Menschheit lohnt.

Darauf entgegne ich, dass es ja auch aus Versehen oder durch einen Verwirrten passieren kann.

Gott geht auf diesen Einwand in der Regel nicht ein und starrt gedankenverloren die Wand an. Diese Möglichkeit ist einfach nicht weit genug hergeholt.
Wenn ich eine Wette um den Weltuntergang durch Knuddeln abschließen wollte, würde er mich auslachen – viel zu schlechte Quoten.

In manch ruhiger Stunde spricht mich Gott auf seine Kreaturen an. Dass er viele Entwicklungs-Parameter durch DNA stark veränderlich gemacht hat, ist manchmal ein Grund kindlicher Freude, aber noch öfter für mehr Falten auf diesem unsagbar alten Gesicht. Aber das hat er sich selbst zuzuschreiben. No risk, no fun.

Als ich ihn einmal auf seine Falten ansprach, begann er zu lachen und klärte mich auf: Du siehst vielleicht Falten, aber das ist ganz deinen Erwartungen an mich geschuldet. Andere Menschen sehen mich als ein Kind, wieder andere als Alanis Morisette. Das ist alles relativ.

Damit wäre ich am zentralen Kritikpunkt meiner Konversationen mit Gott. Er relativiert alles. Nur weil er alles im Blick hat, meint er, dass man die Dinge nicht nur schwarz und weiß sehen sollte.

Ich bin aber nur ein Mensch. Ab und an sind Dinge für mich schwarz oder weiß. Vielleicht sind sie es nach einer erholsamen Nacht nicht mehr, aber dieses ständige „Alles ist relativ!“ finde ich relativ nervig.

Aber wieso beschwere ich mich. Insgesamt habe ich zu dem alten Herrn ein gutes Verhältnis. Viele haben schließlich gar keines und das muss doch ziemlich elend sein. So von Gott verlassen zu sein.

Die neue Workload-Balancing-Strategie

Der frisch angestellte J. hielt eine Rede für die ihm zugeteilten Mitarbeiter. Er bereitete sich gründlich vor; es sollte nichts dem Zufall überlassen werden. Sorgsam wog er jedes Wort ab und verglich es mit anderen, möglicherweise besser passenden, sprach Wortgruppen und Formulierungen mit verschiedenen Betonungen. Schließlich war er zufrieden.

Im Firmen-Newsletter der Maschinenbaufirma C. würde man später lesen:

In seiner Antrittsrede für seine Stelle als Stellvertreter des Assistenten des Senior Creative Architecture Lead Professional brachte J. eine optimistische Vision einer transparenten Work Creativity zum Ausdruck und bedankte sich für das Vertrauen in seine Leverage-Fähigkeiten, die ihn zu einer promising Deal-Change-Personality machen.

Mit positiver Ausstrahlung präsentierte er seine Visions für approval-basierte Verbesserungszyklen und strukturiertes Time-Management für effektive Workload-Balancing-Strategien.

Die ihm untergebene Zuhörerschaft, bestehend aus zwei stirnrunzelnden Ingenieuren, vier irritierten Näherinnen und einer eingeschlafenen Textildesignerin konnte ihm nicht folgen und man schaute einander ratlos an (die Textildesignerin ausgenommen, sie schlief weiter).
Am nächsten Tag wurden alle Zuhörer gekündigt und J. befördert (ohne Gehaltserhöhnung, neuer Job-Titel noch in Arbeit). Die Begründung begann mit:

Wie Ihnen J. bereits mitteilte, ist in unserem Unternehmen für Ihre Tätigkeit kein Platz mehr. Sie können uns für diese plumpe Aussage durchaus verklagen, sollten sich jedoch im Klaren darüber sein, dass Sie gegen ein Unternehmen unserer Größe wenig erreichen können und im besten Fall einen Job als „Erkundungsassistent Südwestwinkel“ im Schichtdienst in unserem fensterlosen, höchst beliebten „Zimmer der Verdammten“ zugeteilt bekämen, sollten Sie die Dreistigkeit besitzen, uns zu einer Anstellung Ihrer Person zu nötigen.