Veintiuno

John Michael Greer: The Long Descent (en)

Wem Doomscrolling zu oberflächlich ist, konnte schon vor Jahren ins "Doomreading-Business" einsteigen und sich von Greer auf den Niedergang der Zivilisation einstellen lassen.

[...] I climbed a rocky hill in the Welsh town of Caernarfon. Spread out below us in an unexpected glory of sunlight was the whole recorded history of that little corner of the world. [...]

It's been popular in recent centuries to take such sights as snapshots of some panorama of human progress, but as Caernarfon unfolded its past to me that afternoon, the view I saw was a different one. The green traces of the hill fort showed the highwater mark of a wave of Celtic expansion that flooded most of Europe in its day. The Roman fort marked the crest of another wave whose long ebbing - we call it the Dark Ages today - still offers up a potent reminder that history doesn't always lead to better things. The castle rose as medieval England's Plantagenet empire neared its own peak, only to break on the battlefields of Scotland and France and fall back into the long ordeal of the Wars of the Roses. The comfortable brick houses of the Victorian era marked the zenith of another vanished empire, and it didn't take too much effort just then to see, in the brash American architecture of the supermarket, the imprint of a fifth empire headed for the same fate as the others.

So weit, so scheinbar pessimistisch. Trotzdem wird man in einschlägigen Verschwörerkreisen eher nicht auf Fans des Autors stoßen, denn er wird nicht müde, einige unpopuläre Punkte zu betonen:

  • Der Untergang einer Zivilisation bedeutet meistens nicht, dass sie plötzlich zerbricht ("sudden collapse"). Stattdessen: Die Wartung einer komplexen Infrastruktur wird schrittweise zu teuer und aufwendig. Es geht langsam bergab ("catabolic collapse"). Das kann viele Jahrzehnte dauern.
  • Wir werden uns nicht mit Einfallsreichtum ("human ingenuity") aus den "Problemen" herauswinden können. Unsere Fortschrittsreligion wird uns nicht retten.

Die beiden Punkte wirken auf den ersten Blick nicht miteinander verwandt, zeigen aus Sicht des Autors aber zwei Seiten der gleichen Medaille. In beiden Fällen entledigt man sich der Notwendigkeit zu handeln:

  • Apokalypse: Wenn die Zivilisation eh untergeht, dann kann ich weitermachen wie gehabt.
  • Fortschrittsglaube: Wenn wir eine wissenschaftliche Lösung unserer "Probleme" finden, dann kann ich weitermachen wie gehabt.

"Probleme" in Anführungszeichen, denn Greer geht davon aus, dass wir es uns zu leicht machen, wenn wir alles als Problem betrachten, selbst wenn es dabei um grundsätzliche Eigenschaften des menschlichen Seins ("predicaments"), z.B. dessen Endlichkeit. Dagegen kann nichts unternommen, sondern nur reagiert werden.

Wir schaffen es nicht, uns von einfachen Erzählungen zu lösen und halten uns krampfhaft an dem fest, was wir kennen. Wir verhalten uns dabei wie der Affe in der gleichnamigen Falle, der es nicht schafft, das Objekt der Begierde loszulassen. Oder wie ein Lottogewinner im Rohstofflotto, der davon ausgeht, dass er demnächst einfach wieder eine ähnlich ergiebige Quelle wie Öl und Gas findet.

Ein zentrales Konzept für den Autor ist Peak Oil: Etwa um die Jahrtausendwende seien die Vorkommen aus konventionellen Quellen erschöpft gewesen. Danach wurden neue Methoden zur Extraktion gefunden (z.B. tight oil) und erfolgreich angewendet, aber dennoch kann der Trend zur Förderung von Öl langfristig nur noch nach unten zeigen (auch wenn der aktuelle Verbrauchstrend ... verrückt ist. Und überhaupt: fossile Brennstoffe ...

Wir laufen auf Rückschritte ("regress") zu:

  • verfügbare Energie nimmt ab
  • Wirtschaft schrumpft
  • Gesundheitswesen kollabiert
  • politische Unruhen

Abstieg

Eine hübschere Grafik gibt es im Buch auf Seite 118.

Der Abstieg verläuft dabei nicht in einer einheitlichen Form, sondern durchläuft Krisen und Plateaus unterschiedlicher Länge und Ausprägung. Jede Schockwelle führt zu einer Verelendung weiterer Menschen, die sich vorher noch halten konnten.

In Krisenzeiten wird zudem an Investitionen in sinnvolle Projekte gespart. Weniger Klimaschutz, weniger Investment in erneuerbare Energien.

Greer macht sich keine Illusionen in Bezug auf einen Notschalter, den man noch umlegen könne. Der Abstieg läuft, es kann nur noch im Sinne überschaubarer Gemeinschaften der Umgang damit erleichtert werden, indem man:

  • weniger Energie verbraucht
  • sich Fähigkeiten aneignet, die in einer destabilisierten Welt von Wert sind, z.B.
    • Bio-Gärtnern
    • "veraltete" Technologien aneignen
    • Gemeinschaften aufbauen
    • Produkte recyclen
  • für die eigene Gesundheit Verantwortung übernimmt
  • Spiritualität findet

Erneuerbare Energien kommen bei Greer eher mäßig gut weg. Erneuerbare lohnen sich nur solange wie man die Herstellungskosten und -materialien aufbringen kann. Das klingt aktuell nach einer eher geringen Hürde, ist aber dem Umstand geschuldet, dass wir die wahren Kosten effektiv seit Jahren "ausgelagert" haben. Das wird sicherlich nicht mehr lange so einfach bleiben. Nicht zu vergessen ist leider auch die zu erwartende Nachfrage nach Stoffen, die bald in groteskem Verhältnis zur Fördermenge stehen dürfte (Stichwort Kupfer).

Nach Greer gehören Wind, Wasser, Sonne und Muskelkraft (!) die Zukunft. Technologien, auf die man im Zweifelsfall nicht zurückfallen kann, werden verschwinden. Zukünftige Technologien müssen haltbar, unabhängig von anderen Technologien, wiederholbar sein und transparenten Prinzipien folgen.

Viele Kulturgüter verschwinden irgendwann. Nachhaltige und wichtige Traditionen überleben. Überschaubare Gemeinschaften sind dabei der Schlüssel. Praktisch veranlagte Menschen sind notwendig.

Ein für mich eher ungewöhnlicher Punkt ist das Thema Spiritualität. Greer meint, dass das Zeitalter der Aufklärung zusehends versagt. Obwohl wir uns für rational halten, gibt es überall irrationale Bereiche. Bestes Beispiel ist die Werbung, in der mystisches Denken dominiert. Die vorherrschende Religion ist die Religion des ewigen Fortschritts. Dabei glauben wir, uns auf einem andauernden Pfad ständiger Verbesserung zu befinden.

Modernen Fortschritt haben wir jedoch in erster Linie Rohstoffen und Kolonialisierung zu verdanken. Beides gerät zunehmend an seine Grenzen, sodass auch die Sage vom Fortschritt immer weniger überzeugen kann. Es braucht einen neuen Mythos, der in Summe hoffentlich eher friedlich als gewaltverherrlichend daherkommt. Auf dem Weg dahin rechnet Greer mit einer deutlichen Zunahme apokalyptischer Sekten, die sich auf die Suche nach Sündenböcken machen.

Welche Religionen überleben, kann nur spekuliert werden. Der Autor denkt, dass es Fundi-Christen schwer haben werden, weil sie sich mit dem Fortschrittsglauben gemein gemacht hätten. Armut wertschätzende Katholiken schaffen da vermutlich mehr. Unklar ist, ob Buddhismus oder vielleicht sogar eine bisher unscheinbare Religion groß wird ...

P.S.:

  • Für eine Art Kurzfassung: John Michael Greer - The Catabolic Collapse Of Civilization: Part 1, Part 2
  • ähnliche lesenswert, aber auf Basis von Blogeinträgen: Collapse Now and Avoid the Rush: The Best of The Archdruid Report
  • Disclaimer:
  • Mit dem Druidendasein des Autors ... kann ich ehrlich gesagt wenig anfangen. Die Bücher lassen sich aber trotzdem gut lesen.
  • Auch die US-spezifischen Themen habe ich hier unerwähnt gelassen. Nur soviel: Greer sieht überwältigende politische Polarisierung und einen Abstieg der Weltmacht in kriegerischer Form kommen.
  • Meine Kopie des Buches wurde in Polen durch Amazon Fullfillment gedruckt, man kann aber auch deutlich günstiger die Kindle-Version erwerben.